Soll unsrer Liebe bitte was sein? Verknotigung?

1. Januar 2013

Sprachpunkt

Als ich vor ein paar Tagen am Klavier durch ein altes Notenbuch blätterte, stieß ich auf das Ännchen von Tharau. Das hat — vor allem im Männerquartett — seinen ganz besonderen Reiz. Ganz abgesehen davon stolperte ich beim Lesen des Textes (wieder einmal) über das fast unausprechliche Verknotigung in der zweiten Strophe:

Krankheit, Verfolgung, Betrübnis und Pein
Soll unsrer Liebe Verknotigung sein.

Auch als Linguist denkt man sich zunächst nicht viel dabei: Man versteht es (noch) leidlich, vermutlich ist es ein Archaismus, von der Wortbildung her betrachtet (Derivation: deverbales Substantiv mit -ung zum Verb verknot[ig]en)  kann das Wort kaum sehr viel älter als 400 Jahre sein. So oder ähnlich wird es auch Irmgard Rech gedacht haben, als sie vor etwas über einem Jahr im Text “Glaube, der die Liebe heiligt” auf den Gebrauch von Verknotigung eingeht:

Früher scheute man sich nicht, von der „Verknotigung“ in der Liebe zu sprechen. Das Wort kommt im Lied „Ännchen von Tharau“ vor. Liebende sollten sich dieses Wort bewahren.

Das sollten sie! Aber was ist ‘früher’ und vor allem ‘man’? Und hat man jemals über die “‘Verknotigung’ in der Liebe” gesprochen? Mit einer Sache hat die Verfasserin recht — “Verknotigung” kommt, wie gesehen (und gehört), im Ännchen von Tharau vor. Etwas eigenwillig und auffällig allerdings ist der artifizielle Ausbau des Stammes zu verknotigen statt verknoten. Ist dafür das Versmaß einer vorliegenden Melodie ursächlich? Der Text, der uns mit dem neuhochdeutschen Ännchen von Tharau (1778) vorliegt, stammt von Johann Gottfried Herder (1744-1803). Er übertrug die niederdeutsche Version des Liedes Anke von Tharaw (1636), die Simon Dach (1605-1659) zugeschrieben wird. Die erste bekannte Vertonung von 1642, die auch Herder bekannt gewesen sein dürfte, stammt von Heinrich Albert (1604-1651). Der heute bekannte Satz ist wesentlich jünger (1827, Friedrich Silcher [1789-1860]). Belassen wir es also der Einfachheit halber zunächst dabei, dass bereits Herder bei der Übersetzung einem Versmaß gefolgt ist und deshalb für die Übersetzung Verknotigung statt Verknotung wählte. ‘Früher’ ist konkret 1778 und ‘man’ ist ziemlich genau einer, nämlich Herder. Er übertrug — gemäß unserer Vorlage (siehe Abbildung) — folgende Verse:

Kranckheit, Verfälgung, Bedröfnös on Pihn,
Sal vnsrer Löve Vernöttinge syn.

Folgte Herder dem Text Dachs in der Übertragung wortgenau, dann hätte er hier “Vernietunge” statt “Verknotigung”, also “Vernietung” statt “Verknotung”, gesetzt — es gehört aber zu den Freiheiten des Umgangs mit Texten, dass diese variiert, angepasst und geändert werden können. Auch ist das Bild der “Vernietung” in unserem Kulturkreis eher unüblich, die “Verknotung” von Liebenden oder besser in der Institution der Ehe Verbundenen dagegen eine gebräuchliche Figur. Die Frage ist also eher nicht, warum Herder das Bild von der “Vernietung” — das zugegebenermaßen im Vergleich zum Knoten  kein schlechtes ist — ersetzte, sondern welche Hinweise es auf Motive gibt, weshalb Dach es verwendete.

Simon Dach (1605-1659) wurde in Wittenberg und Magdeburg ausgebildet und studierte später in Königsberg. Ab 1639 war er Professor für Dichtkunst an der dortigen Universität, obwohl er erst 1640 promoviert wurde — seine guten Beziehungen zu Georg Wilhelm von Brandenburg (1595-1640) mögen dafür genau so ausschlaggebend gewesen sein wie seine Begeisterung für Literatur: Er gilt als Mittelpunkt der Kürbishütte, einer Sprachgesellschaft, wie sie zur Zeit des 30jährigen Krieges Konjunktur im Reich hatten. Sprachgesellschaften, wie der Palmenorden (auch Fruchtbringende Gesellschaft), setzten sich zum Ziel, das Deutsche als Sprache für Kunst und Literatur zu befördern, auszubauen und zu pflegen — allerdings im Gegensatz zu heutigen sprachpflegerischen Bemühungen (die eher sprachkonservatorisch orientiert sind) in einem progressiven Sinne. Mit dem Ausweis des Alters der deutschen Sprache, der Vielgestaltigkeit und des Variantenreichtums verfolgte man das Interesse, das Deutsche neben den romanischen Sprachen und dem noch immer dominierenden Latein in Wissenschaft und Kunst zu etablieren. Dabei schoss das ein oder andere Mitglied mit seinen Sprachspielen in Lehnübersetzung, Synonymfindung und grammatischen Spekulationen in einzelnen Fällen zwar über das Ziel hinaus (genannt werden hierfür gern die nicht akzeptierten Lehnübersetzungen Philipp von Zesens), dennoch darf die Auseinandersetzung mit der deutschen Sprache im 17. Jahrhundert als Vorläufer der modernen Sprachwissenschaft gelten und hatte nicht zu verachtende Einflüsse auf die Entwicklung der deutschen Literatur — als “Spracharbeit” bezeichnet man diese Praxis.[1]

Simon Dach ist diesem Kreis intellektueller ‘Spracharbeiter’ zuzurechnen; sein Talent lag vor allem im massenhaften Anfertigen von für das 17. Jahrhundert typischer Gebrauchslyrik, die zu jedem Anlass angemessen, zur gesellschaftlichen Repräsentation absolut notwendig war und daher tausendfach überliefert (und bisher kaum hinreichend untersucht) ist. Zu ihren Kennzeichen zählt auf der einen Seite das ‘Entlangdichten’ an textuellen Mustern, die der klassischen Rhetorik entlehnt sind, auf der anderen Seite eine Liebe für das Sprachspiel, zu dem auch das Setzen unkonventioneller Metaphern und Synonyme gehört. “Vernietunge” ist möglicherweise ein Sprachspiel dieser Art.

Es ist davon auszugehen, dass Herder dieses Sprachspiel erkannte. Obwohl er das unübliche Bild der “Vernietunge” durch das der “Verknotigung” ersetzte, trägt er mit der okkasionellen Bildung mit der artifiziellen zusätzlichen Nebensilbe in “Verknotigung” der Vorlage Rechnung — er behält deren barocke sprachlich-verspielte Markiertheit bei.

An diesem Sprachspiel — oder besser an Herder — kommen schließlich auch die Bearbeiter des Deutschen Wörterbuchs [2] offensichtlich nicht vorbei, sie gestehen “Verknotigung” neben “Verknotung” ein eigenes Lemma zu:

verknotigung, f. enge, feste verknüpfung mittels eines knotens:
käm alles wetter gleich auf uns zu schlahn,
wir sind gesinnt bei einander zu stahn.
krankheit, verfolgung, betrübnisz und pein
soll unsrer liebe verknotigung sein.
HERDER z. lit. u. kunst 8, 483 (1821),
ein vermuthlich von HERDER erfundenes wort mit anlehnung an das Dachische
sal unsrer löwe vernöttinge syn.
DACH 420 Österley,
welches genau übersetzt unserem vernietung entspräche.

Dabei werden sowohl Ursprung als auch Urheber der Neuschöpfung benannt, zugleich die wortwörtliche Alternative angegeben — ob im adverbialen “genau” eine Wertung transportiert wird, soll hier nicht weiter erörtert werden; die Möglichkeit, dass Herder hier ein Sprachspiel fortgesetzt haben könnte (und nicht nur sklavisch dem Versmaß folgte, wofür es auch andere Alternativen gegeben hätte), scheint indes nicht auf. Interessanter in diesem Eintrag ist das Pronomen “unser”. Damit werden zwei mögliche Referenzen eröffnet: eine temporale (‘in unserem aktuellen Gebrauch: Vernietung’) und eine sprachtypologische (‘in unserem Hochdeutschen: Vernietung’). Möglich sind bei den Grimms (und den späteren Bearbeitern des Wörterbuchs im 20. Jahrhundert) nur auf den ersten Blick beide gleichermaßen interessante Lesarten. Die erste Lesart scheidet schon deshalb aus, weil das Grimmsche Wörterbuch ohnehin etymologisches Interesse hat und ein Verweis auf ältere Sprachstufen und andere Varietäten in der Regel auch direkt benannt wird. Die zweite hingegen ist nicht unwahrscheinlich und würde durch das notwendige “Übersetzen” gestützt, doch für diesen Artikel würden Diskussionen um den Stellenwert der Varietäten des Deutschen bei den Sprach(geschichts)forschern des 19. (und 20.) Jahrhunderts zu weit führen, ganz abgesehen von der Frage, ob das Niederdeutsche als Varietät dem Deutschen überhaupt zuzurechnen sei, oder nicht.

Das Lemma im Deutschen Wörterbuch macht aber noch viel deutlicher das gänzlich anders gelagerte lexikografische Interesse im Gegensatz zu heutigen lexikologischen und lexikografischen Standards. Ein ‘hochsprachlicher’ Beleg reichte aus, um “Verknotigung” mit einem eigenen Lemma zu würdigen — im heutigen Duden suchte man vergeblich nach einem solchen Eintrag. Heute ist der frequente Gebrauch eines Wortes maßgeblich ausschlaggebend dafür, ob es in ein Wörterbuch aufgenommen wird, oder nicht — die Frequenz oder Auftretenshäufigkeit lässt sich aber erst seit 15 bis 20 Jahren dank neuerer technischer Entwicklungen überhaupt erst zuverlässig für große Teile des Wortschatzes ermitteln.

So kann man sich auf der einen Seite freuen, dass “Verknotigung” als okkasionelle Bildung im Deutschen im Lied Ännchen von Tharau und im Deutschen Wörterbuch die Zeit überdauert. Auf der anderen Seite kann man dankbar dafür sein, dass sich heute Wörterbucharbeit nicht mehr auf literarische Hochsprache als alleinige Quelle stützt, sondern den je gegenwärtigen Sprachgebrauch zu erfassen beabsichtigt — “unsere Sprache”, die wir — ganz wertneutral — hier und jetzt verwenden. Zum dritten wird an diesem Beispiel deutlich, wie stark sich die Auffassung von dem, was Deutsch sei, im Wandel befindet. Zum vierten kann man gelassen auf Einflüsse auf das Deutsche blicken und die Frage, ob man bewusst die Sprachentwicklung (negativ) prägen könne: Selbst mit Herder und Stützung durch die Grimms hat’s “Verknotigung” nicht geschafft, sich im Sprachgebrauch zu etablieren.[3]

[1] Vgl. Markus Hundt. 2000. Spracharbeit im 17. Jahrhundert. Studien zu Georg Philipp Harsdörffer, Justus Georg Schottelius und Christian Gueintz. Berlin, New York: Walter de Gruyter.

[2] Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. Leipzig 1854-1961. Online verfügbar unter: http://goo.gl/aQHtp, Stand: 01.01.2013.

[3] Das wäre auch — wenn dies Herder intendiert hätte, was unwahrscheinlich ist — gegen dominante Sprachwandelprozesse (Nebensilbenabschwächung) kaum möglich gewesen.

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Ein Kommentar - “Soll unsrer Liebe bitte was sein? Verknotigung?”

  1. Alexander Lasch Sagt:

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