Verkünden, verehren, vergegenwärtigen – Sprache und Religion

11. September 2011

Forschung, Projekte

1. Forschungslage im deutschsprachigen Raum

Die Linguistik scheute sich lange davor, Texte, die der Domäne „Religion“ zugeordnet werden, zu untersuchen. Dem lag sowohl auf Seiten der Linguistik als auch der Theologie das Missverständnis und die Befürchtung zu Grunde, dass man die Deutungskompetenz und Deutungshoheit der jeweils anderen textauslegenden Disziplin damit in Frage stellte. Indiz dafür ist, dass sowohl Hugo Mosers Arbeit zu Sprache und Religion (1964) als auch August Langens Wortschatz des deutschen Pietismus (19682) zwar heute noch mit Gewinn rezipiert werden, allerdings in den Folgejahren kaum Arbeiten an ihre Fragestellungen anschlossen. Dass Linguistik und Theologie verschiedene Erkenntnisinteressen haben und unterschiedliche Ziele verfolgen, erwies sich zwar bereits bei Moser und Langen, allerdings öffnete erst die so genannte pragmatische Wende innerhalb der Linguistik, die die Aufmerksamkeit und das Forschungsinteresse weg vom Wort und Satz hin Sprachgebrauch lenkte, den Weg zur wissenschaftlichen Begründung des genuin differenten Forschungsinteresses der Linguistik. Jetzt gerieten Fragen der Produktion, Rezeption und Kommunikation in den Blick, die hinsichtlich ihrer Bedingungen und Konsequenzen befragt werden konnten. Eine weitere Voraussetzung stellte innerhalb der Linguistik die Rezeption der soziologischen Studien zum Ritual dar (Werlen 1984 und 1987, Paul 1990 und 2009, Fix 1998). Für die Linguistik erwiesen sich dabei sowohl der Gegenstand als auch die Perspektive der Soziologie als wegweisend: Diese abstrahierte nämlich von einzelkulturellen Erscheinungen und suchte generelle Handlungsmuster des Rituellen zu erarbeiten, die sie nicht mehr nur auf die Domäne „Religion“ beschränkt sah. Als einschlägig haben hier die Publikationen von Viktor Turner (z.B. 1989, 1967/ 1998) und Hans Georg Soeffner (z.B. 1989) zu gelten. Dennoch ist die Forschungslage auch heute noch dürftig: Einzeluntersuchungen wurden zwar vorgelegt etwa zu den Textsorten Kirchenlied (Moser 1981; Greule 1992, 1999a und b, 2004), Predigt (Funk 1991; Pfefferkorn 2005a und b; Grözinger 2009; Paul 2009) und Lebensbeschreibung (Lasch 2005) oder zum Themenkomplex Rhetorik und Stilistik der ‚religiösen Sprache‘ (Grözinger 2009; Paul 2009), kommunikationstypologische Studien (Lasch im Druck), die den Zusammenhang von Verkündigung, Verehrung und Vergegenwärtigung auch vergleichend zwischen verschiedenen Religionsgemeinschaften beschreiben und erhellen, fehlen aber.

2. Projektziele

Ziel der Studie ist es, einen umfassenden Einblick in die Kommunikationsstrukturen des religiösen Raumes zu bieten aus spezifisch sprachwissenschaftlicher Perspektive. Das Projekt wird – gegen die aktuelle Tendenz – vor allem Gemeinsamkeiten der Religionsgemeinschaften erarbeiten und sie damit als prägend für Zusammenhalt des abend- und morgenländischen Kulturraums ausweisen. Dazu sind folgende Teilschritte notwendig:

  1. Zusammenstellung zentraler Texte der Religionsgemeinschaften des Judentums, Christentums und des Islams (als den drei großen Schriftreligionen Europas, Afrikas und Vorderasiens) zu einem elektronisch lesbaren Korpus.
  2. Topologie der religiösen Räume, die diese religiösen Gemeinschaften nutzen.
  3. Verortung von Kommunikation in den religiösen Räumen und Beschreibung der Kommunikation unter typologischer Perspektive als Verkündigung, Verehrung und Vergegenwärtigung.

Literatur

 

Funk, Tobias. 1991. Sprache der Verkündigung in den Konfessionen. Tendenzen religiöser Sprache und konfessionsspezifischer Varianten in den deutschsprachigen Predigten der Gegenwart. Frankfurt am Main.

Greule, Albrecht. 1992. Über den Beitrag der Sprachwissenschaft zur Kirchenliedforschung. Drei mögliche Zugriffe. In: ZfdPh 111. 65-77.

Greule, Albrecht. 1999a. Die Sprache im Neuen geistlichen Lied. In: Hermann Kurzke & Hermann Ühlein (Hg.). Kirchenlied interdisziplinär. Frankfurt am Main. 83-98.

Greule, Albrecht. 199b. So sie’s nicht verstehen, so sollten sie’s nicht singen? Über den Beitrag der Sprachwissenschaft zur Kirchenliedforschung. In: Hermann Kurzke & Hermann Ühlein (Hg.). Kirchenlied interdisziplinär. Frankfurt am Main. 47-64.

Greule, Albrecht. 2004. Gesangbuch und Kirchenlied im Textsortenspektrum des Frühneuhochdeutschen. In: Franz Simmler (Hg.). Textsortentypologien und Textallianzen von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Berlin. 521-533.

Grözinger, Albrecht. 2009. Rhetorik und Stilistik in der Theologie. In: Ulla Fix & Andreas Gardt& Joachim Knape (Hg.). Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 31, Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Halbbd. 2. Berlin, New York. 2257-2274.

Langen, August. 1968. Der Wortschatz des deutschen Pietismus. Tübingen: Niemeyer.

Lasch, Alexander. 2005. Beschreibungen des Lebens in der Zeit. Zur Kommunikation biographischer Texte in den pietistischen Gemeinschaften der Herrnhuter Brüdergemeine und der Dresdner Diakonissenschwesternschaft im 19. Jahrhundert. (Germanistik 31). Münster 2005.

Lasch, Alexander. Im Druck. Texte im Handlungsbereich der Religion. In: Stephan Habscheid (Hg.). Handbuch Kommunikationstypologie. Berlin, New York.

Moser, Dietz-Rüdiger. 1981. Verkündigung durch Volksgesang. Studien zur Liedpropaganda und -katechese der Gegenreformation. Berlin.

Moser, Hugo. 1964. Sprache und Religion. Zur muttersprachlichen Erschließung des religiösen Bereichs. Wirkendes Wort Beiheft 7. Düsseldorf 1964.

Paul, Ingwer. 1990. Rituelle Kommunikation. Sprachliche Verfahren zur Konstitution ritueller Bedeutung und zur Organisation des Rituals. Tübingen: Niemeyer.

Paul, Ingwer. 2009. Rhetorisch-stilistische Eigenschaften der Sprache von Religion und Kirche. In: Ulla Fix & Andreas Gardt& Joachim Knape (Hg.). Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 31, Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch zeitgenössischer Forschung. Rhetorik und Stilistik Halbbd. 2. Berlin, New York: De Gruyter. 2257-2274.

Pfefferkorn, Oliver. 2005a. Predigt und Andacht als Textsorten der protestantischen Erbauungsliteratur des 17. Jahrhunderts. In: ZfdPh 124. 375-394.

Pfefferkorn, Oliver. 2005b. ‚Übung der Gottseligkeit‘. Die Textsorten Predigt, Andacht und Gebet im deutschen Protestantismus des späten 16. und des 17. Jahrhunderts. Deutsche Sprachgeschichte. Texte und Untersuchungen 1. Frankfurt am Main.

Soeffner, Hans-Georg. 1989. Die Ordnung der Rituale. Die Auslegung des Alltags – Der Alltag der Auslegung. Frankfurt am Main.

Turner, Viktor W. 1998: Liminalität und Communitas (1967). In: Andréa Belliger & David. J. Krieger (Hg.).  Ritualtheorien. Ein einführendes Handbuch. Opladen, Wiesbaden. 251-262.

Turner, Viktor. W. 1989. Das Ritual. Struktur und Antistruktur. Theorie und Gesellschaft 10. Frankfurt am Main.

Werlen, Iwar. 1984. Ritual und Sprache. Zum Verhältnis von Sprechen und Handeln in Ritualen. Tübingen: Niemeyer.

Werlen, Iwar. 1987. Die ‚Logik’ ritueller Kommunkation. In: Lili 60. 41-81.

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