Ich habe XY geschrankt

27. September 2011

Lehre, Sprachpunkt, Weiterführendes

„Ansonsten wird sie im Abo gekauft, 5 Minuten durchgeblättert […] um dann geschrankt zu werden.“ (der_arit, 22.09.11, 16:26, maniac-forum,http://goo.gl/ZRopC)

Neologismen zeigen die Wandlungsfähigkeit sowie Produktivität einer Sprache und die Kreativität ihrer Sprecher an. Ein Beispiel dafür ist das Verb schranken, welches ökonomisch und gewitzt Gefüge wie in das Regal stellen/legenim Schrank verstauenim Keller lagern usw. verkürzt.

Interessanterweise wird dabei der Ort, an dem XY fortan aufbewahrt wird, als Partizipant nicht vom Verb schranken gefordert (Z hat XY im Regal geschrankt ), obwohl damit nicht zugleich das für die Konversion dienende Nomen als Ablageort benannt ist. Es ermöglicht dem Sprecher (resp. Schreiber) vielmehr, genau diesen Aspekt nicht zu thematisieren. Mit dieser Ausblendung des Ortes der Aufbewahrung wird zugleich eine der zentralen semantischen Eigenschaften des Verbs sichtbar:Schranken deutet so nicht deiktisch auf den Ort der Ablage hin, was etwastellenlegen, je nach Kontext auch lagern, mit der Forderung einer lokalen PP tun, sondern darauf, dass XY aus dem für alle sichtbaren Raum entfernt und irgendwo, wo es nicht mehr sichtbar ist, aufbewahrt wird, man möchte sagen, dennoch aufbewahrt wird: Denn XY ist, aus verschiedenen Gründen, für den Benutzer fortan weniger relevant und befindet sich auf der Vorstufe zur Entsorgung, zur Lagerung im Keller oder zum Verkauf.

Schranken weist also primär nicht auf den Ort der Ablage, sondern hebt evaluativ auf das (negative bewertete) Verhältnis zwischen Sprecher und dem abgelegten Gegenstand ab. Schranken scheint damit, und ich verwendete es hier selbst häufig, dem Verb ablegen zumindest in einzelnen Aspekten semantisch nahe zu stehen und füllt wohl eine Lücke, die ablegen ‚hinterlassen‘ hat. Da dieses, das zeigt etwa der Eintrag beim „Wortschatzportal Leipzig“ (http://goo.gl/X2L0T), vor allem metaphorisch ohne evaluative Qualität gebraucht wird und in stabilen Wendungen auftritt ( Rechnung ablegenZeugnis ablegenPrüfung ablegen, mit anderer Bedeutung, aber dennoch metaphorisch: [schlechte]Gewohnheit ablegen usw.), ergänzt schranken das Repertoire der Sprecher um eine Variante, die einer Teilbedeutung des Ablegensentspricht.

Noch eine Note am Rande: Portale wie http://www.verbix.com helfen nicht nur für den Fall der Konjugation von pluseinsen (Noah Bubenhofer: http://goo.gl/iKKxa), sondern natürlich auch bei der Konjugation des Verbs schranken. Ob der Hinweis, dass das Verb nicht in der Datenbank von „verbix“ existiert, Lernern der deutschen Sprache ausreicht, um über die Existenz des vorbildlich konjugierten Verbs zu zweifeln, sei dahingestellt.

Links

pluseinsen und seine Konjugation bei „verbix“: http://goo.gl/og3Yv
schranken und seine Konjugation bei „verbix“: http://goo.gl/swSFb

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Wiederveröffentlichter Blogeintrag.

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