„Leonard abgeholt!“

27. September 2011

Sprachpunkt

Damit ich ein besonderes Beispiel für die Beschreibung eines Phänomens (nämlich die besondere Perspektivierungsleistung von Konstruktionen) nicht vergesse und mich statt dessen noch einmal an die anregenden Diskussionen in Düsseldorf erinnere, werde ich diesen, wohl mehrfach adressierten, täglichen Ausruf einer schreienden Meute kurz hier diskutieren.

In der vorliegenden sprachlichen Äußerung Leonard abgeholt ist alles andere als klar, welche Konstruktion realisiert wird. Tatsächlich sind wenigstens drei Möglichkeiten auf den ersten Blick denkbar:

1) NP + ADJ (attributiv),
2) so genanntes „Zustandspassiv“ bzw. Kopula mit Prädikativ: Leonard ist abgeholt oder
3) so genanntes „Vorgangspassiv“: Leonard wird abgeholt.

Die erste Lesart wäre für das Deutsche ungewöhnlich, üblicher ist die Verbindung von Adjektiv und nachgestellter NP — ich habe sie der Vollständigkeit halber mit aufgeführt. Mich interessieren aber auch stärker die beiden anderen Lesarten, die, je nachdem, wie viele man so genannte „Passivauxiliare“ akzeptierte, noch durch weitere Alternativen ergänzt werden dürfen („scheinen“, „erscheinen“, „wirken“, „gehören“ usw., von denen einige konstruktionsgrammatisch höchst interessant sind). Auf jeden Fall wird im sprachlichen Ausdruck die Position des Verbs in der Konstruktion nicht besetzt, auch fehlt eine Agensangabe, die zumindest in der Lesart mit „werden“ möglich wäre. Doch es sprechen Kinder im Alter von drei (vielleicht auch bereits 2;8, mir liegen dafür keine konkreten Zahlen vor) bis sechs Jahren eben diesen Satz — eine Agensangabe ist also selbst bei den Ältesten eher nicht zu erwarten, wie sich grundsätzlich auch die Frage nicht entscheiden lässt, ob sich die Kinder im Fall des Falles für „sein“ oder „werden“ (dies erlernen sie im vierten Lebensjahr für Konstruktionen dieser Art zu gebrauchen) entscheiden würden. Es wäre auch die falsche Frage: Pragmatisch verstehen alle Anwesenden diese Realisierung, vom dritten bis ins siebente Lebensjahr. Die Erwachsenen verstehen die Äußerung ebenfalls und gebrauchen sie teilweise selbst. Es ist eine (temporale und lokale) Insel der Glückseligkeit, in der nicht über das Verb die Partizipantenrollen in einer Argumentstruktur (die dann damit möglicherweise abgeglichen werden muss) besetzt werden, sondern in der Konstruktionen der Eigenschaftszuweisung bzw. der Transformation, wie ich sie nennen möchte, nur mit den relevanten und von der Konstruktion und ihrer Argumentstruktur geforderten Partizipanten aktualisiert werden. Dabei stellt die Auslassung des Verbs — hier „sein“ oder „werden“ — interessanterweise gerade auch bei den jüngsten Kindern das Verständnis sicher. Und ich will auch nicht ausschließen, dass es gerade bei diesem Beispiel, wie bei vielen Dingen auch, gerade darauf ankommt, wer diesen Satz als erster ausruft (womit die Insel der Glückseligkeit weiter kulturelles Konstrukt bleibt) — da pragmatisch eindeutig, kann hier das Prinzip der Ökonomie seine Karten ausspielen.

Was ist konstruktionsgrammatisch nun gerade an diesem Beispiel interessant? Interessant ist nicht, dass man darüber mutmaßen kann, welche Verben nun in diese Konstruktion eintreten könnten, damit die Konstruktionsbedeutung entsprechend aktualisiert würde (nämlich hinsichtlich „Eigenschaft“ oder „Veränderung einer Eigenschaft“), sondern dass die Anordnung der Partizipanten analog den Anforderungen der Argumentstruktur (und eben nicht in der Verbindung zwischen attributivem Adjektiv und nachgestellter Nominalphrase) offenbart, dass sich hier ein kognitives Muster verfestigt und stabilisiert hat in der kommunikativen Praxis und damit auf ein Verständnis über die Bedeutung dieser Konstruktion geschlossen werden darf. Dass man im dritten Lebensjahr Effekte durch Imitation nicht ausschließen kann, ist dabei — Konventionalität ist das Resultat von Nicht-Kompositionalität und Indiz kognitiver Verfestigung — kein Gegenargument sondern unterstützt die Interpretation nachgerade.

Leider kann ich im Moment nichts zu anderen Beispielen für dieses Phänomen sagen — spannend wäre es, ob sich auch folgende Aussagen belegen ließen, die ich jetzt vom Lehnstuhl aus erdenke:

Tee getrunken,
Spielzeug aufgeräumt,
Obst gegessen usw.

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Wiederveröffentlichter Blogeintrag (konstruktionsgrammatik.wordpress.com).

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