Macht’s uns doch bitte nicht so schwer

27. September 2011

Sprachpunkt

Daran werden wir uns gewöhnen (müssen). Normative und auch deskriptive Grammatiken (und normative Populisten) steuern dem falschen Gebrauch des Apostrophs zwar noch vehement entgegen, aber der Widerstand wird (gefühlt) geringer. Das adaptierte Muster (siehe Anzeige) sieht man gleich zweimal im Angebot: Genitiv-s mit Apostroph im Englischen. Im Plural jedoch wird im Englischen Apostroph nur verwendet, wenn bspw. ein Singular auf -s endet, also quasi selten bis nie.

Im Beispiel haben wir ja den besonderen Fall, dass es sich (1) nicht um einen Genitiv-Singular ( Ulrich’s Backstube ), sondern um einen Plural handelt und (2) um einen der Fälle, bei denen auch kompetente Sprecher immer wieder darüber nachdenken, welche Schreibung korrekt sei: PC’s oder PCs? PKW’s oder PKWs? CD’s oder CDs? Normgerecht, d.h. den derzeit üblichen Rechtschreibregeln entsprechend, ist die Schreibung ohne Apostroph. Allerdings markieren die meisten Sprachbenutzer gerade Akronyme doch gern mit Hochkomma, um so vermutlich die ‚Wortgrenze‘ besonders hervorzuheben und evtl. damit zugleich auch anzuzeigen, dass Flexionsendungen eben nicht ’natürlich‘ an Akronyme anzuschließen sind (das allerdings ist noch nicht untersucht).

Kommen wir aber noch einmal auf Ulrich’s Backstube zurück. Oben hatte ich kurz geschrieben, dass wir uns an den Gebrauch des Apostrophs beim Genitiv-s wohl werden gewöhnen (müssen). Auch ist es genau der Gebrauch, den populistische Sprachkonservatoren gern geißeln. Und deren Stigmatisierung wiederum (‚Deppen-Apostroph‘) darf landläufig als durchgesetzt gelten.

Doch was wird man erst staunend, wenn man erfährt, dass der Genitiv-s-Apostroph im Deutschen (der wie im Englischen angewendet wird) bis ans Ende des 19. Jahrhunderts durchaus üblich war und erst mit der Orthographischen Reform 1901 für normwidrig erklärt wurde — der Apostroph war seit dem nur noch bei Elision gestattet ( Ist’s Ulrichs Backstube? ). Der Hintergrund: Durch die Abschwächung der vollen Flexionsendungen (auch aber nicht nur des Genitiv[e]s: – es > – s) wurde nicht mehr ein Teil der Flexionsendung (der unbetonte Vokal in der Nebensilbe) ausgelassen und damit brauchte man das Hochkomma nicht mehr zu setzen. Was zunächst pragmatisch klingt, dürfte wenigstens zwei Generationen im Schriftgebrauch Schwierigkeiten bereitet haben. Deren Kinder wiederum wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Zeuge, dass Engländer und Amerikaner den im Deutschen mittlerweile normwidrigen Genitiv-s-Apostroph einfach schamlos gebrauchten und übernahmen das Muster — sicherheitshalber nicht nur für den Genitiv, sondern auch gleich für (schwierige Akronym-)Pluralbildungen mit.

Streng genommen (und bezieht man die Sprachgeschichte mit ein) ist Ulrich’s Backstube (als Ulriches Backstube ) bzw. die morphologische Markierung des Personennamens gerade bestes Beispiel für die (wie auch immer motivierte) Wiederaufnahme in oder besser Kontinuität einer alten Norm im gegenwärtigen Sprachgebrauch — gewissermaßen ein Relikt jener guten alten Zeit, der die Konservatoren immer so gern nachjammern.

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Update: Die Entwicklung des Apostrophen vom phonographischen Auslassungszeichen zum morphographischen Grenzzeichen diskutierte Damaris Nübling auf der Jahrestagung des IDS 2013 in Mannheim.

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Wiederveröffentlichter Blogeintrag.

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