„Unser ‚Nein‘ ist sicher“

29. September 2011

Lehre, Sprachpunkt, Weiterführendes

Man muss die Meinung der LINKEN zur Erweiterung des Rettungsschirms nicht teilen. Auch ist der streitbare Gregor Gysi als Politiker anfechtbar, spätestens seit er in Berlin als Wirtschaftssenator hinschmiss.

Aber ich höre ihm furchtbar gern zu (Redebeitrag Gysis; 130. Sitzung vom 29.09.2011; ESM). Er ist ein „Agitator“ alter Schule (im Sinne der LINKEN positiv besetzt); jemand, der Politik nicht als Konsens, sondern als Programm betreibt — jede Rede ein scharf geschliffener roter Blumenstrauß mit sorgsam eingeflochtenen Fahnen- und Stigmawörtern.

Einige Beispiele für Ungeduldige:

  • Bereits in den ersten zwei Minuten, nachdem er seine Vorredner sanft zurechtrückte, spricht er davon, dass „schon wIEder ein geHEIMausschuss“ (!) gebildet würde, der über das „geld der beVÖLKERUNG“ entscheide.  Es gibt noch einige weitere prominent gesetzte Genitivattribute (etwa: „Geld der Steuerzahler“, „Vorschläge der EU-Komission“, die „Vermögen der Vermögenden“ [!] usw.) — Noah Bubenhofer hat in seinem Vortrag auf der Tagung Konstruktionen als sozialeKonventionen und kognitive Routinen genau diese Häufung von Genitivattributen als typisches sprachliches Muster im Sprachgebrauch der LINKEN herausgestellt („Tag der Arbeit“ — Tradition der Direktübersetzung aus dem Russischen?).
  • Einsatz rhetorischer Mittel: Im Zusammenhang mit einer öffentlich-rechtlichen Ratingagentur in Europa (ab 3:21) spricht Gysi zur Regierung gewandt: „wo blEIbt sie? wo ist ihr VORschlag? wo ist das konSTRUKT? NICHTS passiert diesbezüglich.“ usf.

Nur wenige, sehr wenige können dem rhetorisch Geschulten das Wasser reichen im Bundestag. Im Moment scheitert daran Carsten Schneider (SPD).

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LIVE-Übertragung aus dem Bundestag

Trackbacks/Pingbacks

  1. „Anachronistisches Territorium“* | Alexander Lasch - 30. September 2011

    […] habe ich hier kurz über die aus meiner Sicht gelungene Rhetorik Gregor Gysis geschrieben; nichtsahnend, dass sich am darauf folgenden Tag am Beispiel des […]

  2. Mann des Ostens, Mann der Kirche — Joachim Gauck und das Genitivattribut in einer “Korpuslinguistik ‘live’ und ‘light’” | Alexander Lasch - 23. März 2012

    […] häufig und damit nicht zufällig das substantivische Genitivattribut gebrauche; ich hatte hier gemutmaßt, dass es möglicherweise ein sprachliches Muster sein könnte, das in Verbindung zu […]

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