„Anachronistisches Territorium“*

30. September 2011

Lehre, Sprachpunkt, Weiterführendes

Gestern habe ich hier kurz über die aus meiner Sicht gelungene Rhetorik Gregor Gysis geschrieben; nichtsahnend, dass sich am darauf folgenden Tag am Beispiel des „anachronistischen Territoriums“ Gelegenheit bieten würde, noch einmal das Thema der Rhetorik bzw. Stilistik aufzugreifen.

Es gibt keine Operation, die es erlaubt, einen in der Gegenwart real existierenden Raum (als geographisches Gebiet oder Hoheitsgebiet) als nicht zeitgemäß zu denken: Die wichtigsten deiktischen Dimensionen (Raum & Zeit) lassen sich nicht gegeneinander ausspielen.

Friedhelm Hengsbach zeigt auch nicht auf den Raum, das Territorium, wenn er den Vatikan  bezeichnen will, sondern auf dessen Eigengesetzlichkeiten. Er weist also nicht auf ein Gebiet (das nicht anachronistisch sein kann), sondern auf aus seiner Sicht anachronistische Vorstellungen eines kulturellen Produktes, einen durch Eigengeschichtlichkeit und -gesetzlichkeit geprägten kulturellen Raum, einen Heterotopos. Hengsbach sollte (vielleicht besser als andere) wissen, dass sich ein solcher Raum, der Sitz des Stellvertreters Christi aus römischer Sicht, und die ihm eigenen nicht in der Alltagswelt verankerten Regeln nicht dem Urteil unterziehen lassen, ob sie anachronistisch seien oder nicht. Darum geht es ihm auch nicht.

Er kritisiert den römischen Bischof, nicht den „Staatschef eines anachronistischen Territoriums“, der außerhalb dieses Heterotopos spricht, und das, was er spricht. Er schreibt vom „anachronistischen Territorium“, um auf die ‚anachronistischen Ansichten‘ seines Papstes argumentativ hinzuarbeiten. Das „anachronistische Territorium“ fungiert als eine der Stützen seiner Argumentation und liefert gleichzeitig das für die Argumentation entscheidende Stigmawort.

Weil sie nicht konventionalisiert ist, ist die Verbindung „anachronistisches Territorium“ stilistisch auffällig und damit für die Argumentation kontraproduktiv, denn sie legt sowohl Absicht, die Argumentationslinien selbst und zugleich ihre Stützen offen. Und mehr noch — sie bedient ein verweltlichtes Verständnis von Papsttum, Vatikan und Kirche.

Warum nun ist dies zu bedauern? Mit der dem Kritisierten vorgeworfenen Arroganz (siehe Titel des Artikels) wird dieser im Artikel Hengsbachs als „Staatschef“ aus der Welt und Zeit geredet: Ein Dialog, den viele als notwendig erachten, wird auf dieser Basis kaum möglich sein.

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* Friedhelm Hengsbach. Mit der Arroganz des Vatikans. Publiziert auf sueddeutsche.de (25.09.2011, http://www.sueddeutsche.de/politik/benedikt-xvi-besucht-deutschland-mit-der-arroganz-des-vatikans-1.1148909).

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