Transparenz

11. Oktober 2011

Lehre, Sprachpunkt, Weiterführendes

Wir haben ein neues Thema. Das passiert ja dieser Tage, die vom zähen Ringen um die europäische Währung bestimmt sind, nicht oft.

Zur Freude aller Berichterstatter ist das Ereignis noch dazu nicht lokal- sondern 1) bundespolitisch relevant, 2) es betrifft wie die Zukunft des Euro fast alle von uns und es beflügelt — wie jedes gute Thema — 3) fast zwangsläufig Verschwörungstheorien. Mit anderen Worten: Es ist medial das ganz große Theater.

Man sieht sich dabei mit einem Fall konfrontiert, der eine der wichtigsten Forderungen der sympathischen Nerds, die jüngst unter der Piratenflagge das Berliner Abgeordnetenhaus enterten, ganz oben auf die Prioritätenliste der Bundespolitik setzt. Die Forderung der Piraten nach Transparenz der Politik wird ihnen in diesen Tagen Wählerscharen in die Arme treiben, ob sie die Finanzlage Berlins nun kennen oder nicht.

  • Transparenz f. ‚transparente Beschaffenheit‘ (1. Hälfte 19. Jh.), abgeleitet vom Adjektiv transparent […], vereinzelt von materiellen Erscheinungen ‚Lichtdurchlässigkeit‘, meist übertragen im Sinne von ‚Klarheit, Deutlichkeit, Verständlichkeit‘. (Etymologisches Wörterbuch des Deutschen [nach Peiffer], Eintrag beim DWDS).

Die Rede ist vom „Staatstrojaner“ oder „Bundestrojaner“. Seine Funktionsweise und die Qualität des Eingriffs auf infizierten Rechnern, auf die sich die Massenmedien die letzten Tage stürzten, soll hier nicht weiter interessieren. Denn diese Aspekte zielen nicht auf den Kern des Problems, da ohnehin faktisch die wenigsten Nutzer tatsächlich wissen, was die bei ihnen installierte Hard- und Software überhaupt den ganzen Tag macht.

Es geht um Transparenz der Politik und um Vertrauen in die Politik. Am Wochenende wurde der „Trojaner enttarnt“ (man ist im Digitalen Krieg) und seit wenigen Stunden steht fest, woher er kommt: Das bayerische Landeskriminalamt hat den Trojaner 2009 rechtswidrig eingesetzt, es ist also ein „Bayerntrojaner“ — der in (wenigstens) vier Bundesländern zum Einsatz kam.

Beim Thema Transparenz können alle mitreden, das weiß und fürchtet auch das Bundesinnenministerium und besonders die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP): „Wenn die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts in der Praxis durch die Technik nicht eingehalten werden, verschwindet das Vertrauen der Bürger.“

Nur muss die Bundesjustizministerin wohl noch weitaus lauter rasseln. Sie muss einen Koalitionspartner im Bund übertönen und die Emporkömmlinge, die der FDP das Thema mit Erfolg streitig machen. Sie muss für Transparenz werben. Sie muss die Dinge, die nicht sichtbar hinter dem Rücken der Öffentlichkeit von öffentlichen Behörden initiiert worden sind, sichtbar, transparent machen, um das Vertrauen der Bürger zurückzugewinnen, von denen die meisten in Bezug auf die Politik nur noch zu glauben scheinen, was sie auch sehen — und das wird den Piraten den Einzug in den Bundestag bescheren.

Dabei wird, zumindest im Moment, überhaupt nicht darüber diskutiert, ob denn die „Klarheit, Verständlichkeit, Durchlässigkeit und Deutlichkeit“ politischer Entscheidungen in jedem Fall erwünscht sein kann. Die Entlastung, die es bedeutet, eben nicht alles zu wissen, ist enorm — doch dafür muss man vertrauen können. Der Wunsch der Bundesjustizministerin also, das „Vertrauen zurückzugewinnen“, zielt möglicherweise mittelfristig eben gerade nicht auf das Sichtbarmachen politischer Entscheidungsprozesse, sondern darauf, dass die Forderung nach mehr Transparenz der Politik (am besten bis 2013) wieder an Bedeutung verliert.

Und eine letzte Frage muss gestellt sein: Warum reagieren die Piraten nicht oder nicht schlagkräftig genug, um dieses Thema politisch auszunutzen [1, 23]? Sie hätten jetzt Gelegenheit, ihrem schmalen Programm bundespolitisch Geltung zu verleihen — doch sie schweigen sich aus. Ist die Bühne möglicherweise doch zu groß?

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Warum interessiert sich die Linguistik für Debatten dieser Art? Im Rahmen einer Diskurslinguistik wird bspw. der öffentliche Sprachgebrauch in bestimmten Domänen (hier: Politik) untersucht. Dafür eignen sich gesellschaftlich relevante Themen besonders, die kontrovers debattiert und von (Diskurs-)Akteuren geprägt werden, die unterschiedliche Standpunkte vertreten. Eine Analyse dieser Diskurse nach argumentationslogischen, stilistischen und grammatischen Kriterien, im Hinblick auf Textfunktionen, -gestaltungen und -intentionen, Kontexte sowie Akteursabsichten und -rollen erlaubt, Rückschlüsse zu ziehen auf die Bedeutung der Sprache bei der Genese, Strukturierung und Hierarchisierung kollektiven Wissens und kollektiver Einstellungen; Mentalitäten, wenn man so will.

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