Pfleger und Arbeiter im Weinberg der Sprache

9. November 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

Tagesaktuelle Debatten eignen sich denkbar schlecht für diskurslinguistische Analysen. Das hat seinen Grund vor allem darin, dass sich nur abgeschlossene Argumentationslinien in Aussagen und Aussagekomplexen eines Diskurses untersuchen lassen. Zugegebenermaßen ist das forschungspraktisch eine Notwendigkeit, um als Sprachwissenschaftler keine Prognosen über zukünftige Entwicklungen in einem Diskurs abgeben zu müssen — abgesehen davon, dass dies wissenschaftlich unseriös wäre (Spekulationen werden meist explizit als solche gekennzeichnet und auch aus den Überlegungen ausgeschlossen), verdiente man sein Brot wahrscheinlich auf andere und einfache Weise, wenn man hellseherische Fähigkeiten hätte, als als Sprachwissenschaftler.

Populistische Sprachpuristen müssen nicht als Sprachwissenschaftler arbeiten, denn sie haben solche Fähigkeiten. Der Untergang der Sprache, den sie prognostizieren, lässt sich in zahlreichen Verfallserscheinungen aus dem Hier und Jetzt bereits ableiten. Sie haben Einblick in das Große und Ganze der Sprachentwicklung, die Sprachwissenschaftler mühsam zu erschließen suchen aus Wandlungsprozessen (gern als ‚Gesetzmäßigkeiten‘ proklamiert) und Veränderungen, die, wenn sie nicht ‚gesetzmäßig‘ sind wie der Nebensilbenschwund, zunächst einer ‚unsichtbaren Hand‘ angelastet werden.

Zum Glück — und hier kehren wir wieder zu den tagesaktuellen Debatten zurück — treffen beide Realitäten, nämlich die des Sprachwissenschaftlers und die des Sprachpuristen, bisweilen aufeinander und bringen schlagartig alle argumentativen Verwerfungen in einem Diskurs über Sprache, beider Gegenstand, ans Licht der Öffentlichkeit. Das verdient Aufmerksamkeit.

Glück ist auch, dass es sich nicht um eine tagesaktuelle Debatte handelt, sondern um ein Ereignis aus einer langen Geschichte des Konfliktes zwischen „Sprachpflegern“ und „Spracharbeitern“. Dieses Ereignis ist und wird — den neuen Medien sei Dank — dokumentiert und stellt für eine kleine linguistische Diskursanalyse ein (noch) überschaubares exemplarisches und multimodales Korpus für diesen etablierten Diskurs dar [Update 11.11.2011]:

1) Petition: Grundgesetz — Deutsch als Landessprache ins Grundgesetz vom 26.11.2010  (Krämer, Walter)

2) BILD-LESER HABEN ENTSCHIEDEN. Endlich Bundestags-Petition zu „Deutsch ins Grundgesetz!“ (13.12.2010)

3) Petition: Grundgesetz – Keine Aufnahme der deutschen Sprache ins Grundgesetz vom 19.12.2010 (Stefanowitsch, Anatol)

4) Sitzung des Petitionsausschusses am 7. November 2011, TOP der Sitzung beginnt im Mitschnitt bei 01:00:50

4.1) Rede Walter Krämers vor dem Petitionsausschuss im Wortlaut

4.2) Rede Anatol Stefanowitschs vor dem Petitionsausschuss im Wortlaut

5)  WDR 2 Arena „Sprachpolitik über das Grundgesetz“.  — Diskussion mit Holger Klatte (Verein Deutsche Sprache) und Anatol Stefanowitsch (Uni Hamburg). Die Sendung wird ausgestrahlt am 10.11.2011 von 19 bis 21 Uhr.

5.1) Podcast zur Sendung — verlinkt ist das MP3-File. Zum Speichern bitte per Rechtsklick auf der Maus das Kontextmenü öffnen und die Datei mit der Option „Speichern unter…“ laden.

5.2) Kommentare auf der Website zum Thema und zur Sendung (Stand: 11.11.2011)

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