Neues aus der Gutenberg-Galaxie

10. November 2011

Forschung, Sprachpunkt

Eine wahre Geschichte aus dem 21. Jahrhundert

Der Apologet eines neuen Mediums druckte in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein Buch, das seinen Vorläufern, den Prachthandschriften, in nichts nachstehen wollte. Natürlich fehlte der 42zeiligen Bibel mit Goldschnitt der individuelle (Hand-)Zug des Schreibers, sie trug nun den des Setzers. Dafür deutete sie auf die Optionen, die sich eröffneten: Der Druck mit (beweglichen) Lettern ermöglichte ein bisher nicht bekanntes Maß an Vervielfältigung von Text- und damit Wissensträgern, die relativ preiswert herzustellen waren. Aus monastischen Kreisen war eine Medienrevolution wie der Buchdruck nicht (vielleicht nie) zu erwarten gewesen — das Verhältnis zu ihrem Medium, der Handschrift, war intakt und bedurfte keiner Aktualisierung. Vielleicht ahnte man auch in den Scriptorien dunkel, dass der Buchdruck letztlich nicht nur die monastische Schreib-, Schrift- und Vergegenwärtigungskultur der frühen Neuzeit sachte auf den Kopf stellen sollte.

Heute ist das vielleicht anders. Ein institutioneller Vertreter eines alten Mediums, des Buches, geht den Weg in die Online-Welt. Er will Apologet des alten und neuen Mediums zugleich sein, natürlich bei Erhaltung alter Privilegien (Urheberrecht, Buchpreisbindung) bei Ausnutzung der Gewinnmaximierungsoptionen, die das neue Medium bietet. Damit dieser Spagat gelingen kann, dürfte Fingerspitzengefühl gefragt sein. Statt dessen jedoch tappt der Arme in jede Fußangel, die im Web 2.0 (inkl. der Segnungen der Social Networks) ausgelegt ist: Dieser Tage werden die Postfächer der AutorInnen des Verlags mit (Spam-)Mails geflutet, die alle selben Inhalts sind — es geht um den Relaunch eines Onlineshops (nun in der Beta-Phase!), der in den letzten Jahren nicht aufgesetzt, gepflegt und kontinuierlich verbessert, sondern in kurzen Abständen durch Alternativen ersetzt wurde. Analog verhält es sich mit anderen Onlineportalen des Verlags, die für die Produktion von medialen Inhalten genutzt werden sollen. Das wissen mittlerweile alle Adressierten — die Marketingoffensive läuft vermutlich ins Leere. AutorInnen, die ihre Aufsätze noch ins Sekretariat diktieren oder E-Mails ausdrucken lassen, nehmen ein solches Gebaren und technische Veränderungen dieser Art nur noch achselzuckend hin. Technikaffine AutorInnen schauen ungläubig auf das, was sich da vor ihren Augen abspielt, und darauf, was aus Verlagssicht ihr neues Werkzeug werden sollte.

Das ist schade. Jeder Anfang ist schwer und die (Um- und) Einstellung auf neue Online-Welten mit ihren Chancen und Herausforderungen in Produktion und Vertrieb sicher nicht einfach, idealerweise sollte man dabei zudem nicht das Kerngeschäft aus dem Blick verlieren: Die Produkte des Verlags sind nämlich handwerklich hervorragend. Sie bereichern seit jeher den Wissenschaftsbetrieb. Sie werden ihr Recht behalten neben anderen Formen der Publikation, die das neue Medium bietet.

Es sind gute Bücher, Vertreter eines alten und lebendigen Mediums. Wir lesen und schreiben sie gern.

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  1. Nachtrag: Systematisches Bibliographieren | Alexander Lasch - 23. Dezember 2011

    […] Zugriff wird im Moment leider nicht gewährleistet, da De Gruyter sein Online-Angebot seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abständen immer wieder komplet…. Und so bleibt der Artikel zum „Bibliographieren mit RSS-Feeds“ leider im […]

  2. Systematisches Bibliographieren — RSS-Feeds | Alexander Lasch - 23. Dezember 2011

    […] Zugriff wird im Moment leider nicht gewährleistet, da De Gruyter sein Online-Angebot seit einiger Zeit in unregelmäßigen Abständen immer wieder komplet…. Und so bleibt der Artikel zum „Bibliographieren mit RSS-Feeds“ leider im […]

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