Bald wird aufgemännelt!

21. November 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

„Werd a Mannel aufgeweckt: ‚Komm, nu stist de auf!'“

Heute Morgen wurde ich beim ersten Kaffee mit einem — wie ich zunächst annahm — Dialektismus überrascht. Wie nebenbei hieß es, dass ja nun nach Totensonntag bald „aufgemännelt“ werden könne. Auf der Fahrt ins Büro dachte ich immer noch darüber nach, wie gut das Verb „aufmänneln“ doch genau das beschreibt, worauf sich (beinahe) jeder im Erzgebirge und seinen Ausläufern nun freut: Das Aufstellen von Weihnachtsschmuck in allen erdenklichen Formen und Farben, vor allem aber eben „Manneln/Männeln“. Es ist in seiner Bedeutung daneben wunderbar vielschichtig, denn es beutet konnotativ aufgrund formaler und struktureller Analogie die Bedeutung des Verbs „aufrüsten“ mit und ist so zu gebrauchen nicht nur als neutraler Ausdruck bzw. als Hochwert- oder Fahnenwort, sondern auch als Stigmawort der Gegner der fünften Jahreszeit im Erzgebirge, die es hier wahrlich nicht einfach haben werden in den nächsten Wochen.

Verwundert war ich nur, dass ich das Verb vorher noch nie in dieser Verwendung gehört hatte, es schien so einleuchtend und plausibel und mundartlich unverdächtig. Ich versuchte also, diese Wissenslücke zu schließen, und hoffte auf einen entsprechenden Eintrag im Wörterbuch der obersächsischen Mundarten, dessen erster Band 1998 erschien.[1] Doch hier ist das Lemma „aufmänneln“ leider nicht verzeichnet. Bevor ich nun zum Telefon griff, wollte ich mich zunächst bei Google — trotz besseren Wissens — auf die Suche nach dem Verb rückversichern. Die Ausbeute war, wie zu erwarten war für einen hauptsächlich mündlich gebrauchten dialektalen Ausdruck, ernüchternd. Die Belege für Infinitiv („aufmänneln“), deverbales Adjektiv („aufgemännelt“) und die 3. Person Singular Präsens Aktiv („aufmännelt“) für das Verb brachten kaum ein Dutzend Belege ans Licht.  Diese stammten noch dazu und zum Großteil alle aus der Feder eines „j. wieloch“ (Aber, jenseits der Schadenfreude, werde ich mich hier nicht zum Berufszyniker aufmänneln [http://goo.gl/3psHz]) sowie eines Bloggers „Lobster53“:

So konnte Dieter Thomas Heck (eigentlich Carl-Dieter Heckscher ) sich über viele Jahre zum Förderer des Deutschen Schlager aufmänneln, dem kein Schwachsinn zu wenig und kein sinnfreier Text zu viel wahr, als dass er nicht in seiner Berliner Schrippen-Sendung hätte unterkommen können (http://goo.gl/LGSYE).

Aufstellen von Getreidegarben in Mandeln.

Nun kann man geteilter Meinung sein, welche Rolle Dieter Thomas Heck für den Deutschen Schlager gespielt hat, fest standen dagegen folgende Dinge: 1) Dem Blogger „Lobster53“ war oder ist seine Anonymität nicht wirklich wichtig, anders kann ich mir das gemeinsame Auftreten des Pronomens „ich“, des Eigennamens „Jürgen Wieloch“ und des Nicks „Lobster53“ nicht erklären (http://goo.gl/1JYSD). 2) Damit scheint — neben einem anderen Nutzer eines Forums — „J. Wieloch“ beinahe der einzige zu sein, der das Verb schriftsprachlich verwendet. 3) Wenn er es gebraucht, dann nutzt er es wie das Verb „aufmande(r)ln“, das in übertragener Bedeutung im Oberdeutschen verwendet wird im Sinne von ’sich aufspielen‘. In nicht-übertragener Bedeutung wird es gebraucht für das ‚Aufstellen von Getreidegarben in Mandeln‘.[2] 4) Wieloch kommt aus Dresden und damit aus der Region, die hier interessiert — was zumindest das Auftreten der Form, aber noch nicht die Bedeutung des Verbs „aufmänneln“, so wie ich es heute hörte, erklären könnte.

Ein weiterer Beleg stammt aus einem Online-Forum und hier spezieller einem Thread zum Aufbau-Strategiespiel Insel-Monarchie (das ich persönlich nicht kenne) von „DocSternau“:

Naja, du musst eben aufpassen, dass du die Gebäude auch gleich mit Arbeitern bestückst. Ausgebaute Gebäude ohne Arbeiter sind unnütz. Also am Besten: Gebäude ausbauen – aufmänneln – nächstes Gebäude ausbauen – usw. (http://goo.gl/UCM63).

Aufstellen von Spielfiguren.

Mich im Baldur’s Gate-Forum anzumelden, um das öffentliche Profil von „DocSternau“ einzusehen und etwas über seinen Herkunftsort in Erfahrung zu bringen, war nicht notwendig, da Nutzer im Netz zum Glück recht wertkonservativ in Bezug auf ihre Nicks sind. „Doc Sternau“, so verrät eine erste Google-Anfrage, heißt mit bürgerlichem Vornamen „Matthias“ und ist, dann im zweiten Schritt, genauer „Matthias Freund“ aus Gera (http://goo.gl/l23er), u.a. ein Mitautor an verschiedenen Abenteuern des Spiels Das Schwarze Auge. Er gebraucht „aufmänneln“ im Sinne von „aufstellen“ — es verhält sich analog zu „aufmandeln“ insofern, als es auch spezifiziert, wie oder was genau aufgestellt werden soll: Sind es bei „aufmandeln“ die Garben in „Mandeln“, so sind es bei „aufmänneln“ Spielfiguren, wenn auch hier nur in virtueller Art.

Bemerkenswert an diesen Belegen sind vier Aspekte: 1) Beide hier ausgewiesenen Gebrauchsarten von „aufmänneln“ sind auch bei „aufmandeln“ angelegt, das ‚Garben in Mandelform aufstellen‘ und im übertragenen Sinne ’sich aufspielen‘ (’sich selbst als Mandelgarbe aufstellen‘) bedeutet. 2) „Aufmänneln“ allerdings bezieht sich nun nicht mehr auf Garben und deren Form, sondern auf Spielfiguren. 3) Beide Nutzer kommen aus dem ostmitteldeutschen Raum im Vorerzgebirge. 4) Die Schnellsuche bei Google erbrachte Nützliches, aber nicht Gewünschtes.

Weiter gehört als Mittel für varietätenlinguistische Fragen das Interview von Dialektsprechern zur ersten Wahl. Die Anrufe in den Touristikinformationen in Seiffen (Osterzgebirge), Marienberg (mittleres Erzgebirge) und Annaberg (Westerzgebirge) sowie bei Freunden und Familie brachten immer eines heraus: Das Wort kenne man zwar nicht, aber es wirke sehr vertraut. Sicher sei damit doch das Aufstellen der „Männeln“ in der Adventszeit gemeint. Ich solle doch bitte noch in XYZ anrufen/nachfragen, da es dort möglicherweise gebraucht werde. Letzteres war (natürlich) nie die Fall, aber es belegt die positive Einstellung der Dialektsprecher gegenüber dem Wort und damit dem bezeichneten Referenzobjekt und ist weit mehr als ein bloßes Raten:[3] Das Anregen zur Weitersuche und die Nennung möglicher anderer Quellen ist ein Hinweis auf die Hilfsbereitschaft des Sprechers und darauf, dass er möchte, dass die Quelle des Synonyms für das positiv besetzte und mundartlich gebräuchliche „aufwecken“ (der „Männeln“)  auch gefunden wird.

Leider ist mir das am heutigen Vormittag nicht gelungen, möglicherweise ist das für diesen kleinen varietätenlinguistischen Beitrag aber auch nicht entscheidend. Die Verwendung von „aufmänneln“ im Sinne von ‚aufstellen der (Seiffener) Holzfiguren in der Adventszeit‘ ist (möglicherweise) neu und nicht im Erzgebirge, sondern im Vorerzgebirge produktiv.  Belegt ist es in der Bedeutung ‚Spielfiguren aufstellen‘, diese würde weiter spezifiziert und kontextuell („nach Totensonntag“) in der Adventszeit verjüngt.

Wenn dem so ist, dass wir mit „aufmänneln“ eine neue dialektal geprägte Gebrauchsvariante oder sogar einen Neologismus vor uns sehen (die geringe Belegzahl erlaubt im Moment nur Spekulationen darüber), dann habe ich heute jedenfalls mit meinen Anrufen in Seiffen, Marienberg und Annaberg, den Fragen an meine Kolleginnen und Kollegen hier in Dresden und Kiel und an meine Familie sowie diesem Blogeintrag etwas für die Verbreitung getan — was mich sehr freuen würde.

[1] Wörterbuch der obersächsischen Mundarten. Bd. 1: A-F. Hg. von der Sächsischen Akademie der Wissenschaften. Berlin 1998.

[2] Vgl. das Lemma „aufmandeln“ in Österreichisches Wörterbuch. Hg. im Auftrag des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Sport von der Wörterbuchstelle des Österreichischen Bundesverlages. Wien 1990. 149c.

[3] Die „perceptual dialectology“ setzt sich genau mit solchen Sprechereinstellungen auseinander. Vgl. exemplarisch „Perceptual Dialectology“. Neue Wege der Dialektologie. Hg. von Christina A. Anders, Markus Hundt & Alexander Lasch. Berlin, New York 2010 (Linguistik – Impulse & Tendenzen 38).

Update

Da Jürgen Wieloch von seinem Blog aus direkt auf diesen Beitrag verlinkt und sich als Sprachbenutzer offenbar angegriffen fühlt, möchte ich ein paar Dinge auch für seine LeserInnen richtigstellen:

Als Linguist ist es mir zunächst relativ gleichgültig, wer einen Begriff gebraucht, viel wichtiger ist, ob er und wie er verwendet wird. Um nichts anderes ging es bei der Feststellung, dass es für den gegenwärtigen schriftlichen Sprachgebrauch nur sehr wenige Quellen für das Verb „aufmänneln“ und diese zudem meist nur in der Bedeutung ’sich aufspielen‘ (analog zu „aufmandeln“) gibt. Dass Jürgen Wieloch mit Abstand derjenige ist, der gegenwärtig das Verb schriftsprachlich am häufigsten verwendet, ist ein Indiz, aber an und für sich noch nicht interessant. Wichtig ist dies nur bei der Bewertung der Quellen.

Sowohl für die übertragene Bedeutung im Sinne von ’sich aufspielen‘ gibt es einen älteren Beleg aus dem Satzbau der Egerländer Mundart aus dem Jahr 1908 von Josef Schiepek als auch für die literale Bedeutung. Letztere, eine Scharwerksordnung aus Hagelstadt südlich von Regensburg von 1796, müsste noch genauer geprüft werden und wird von Jürgen Wieloch im verlinkten  Artikel genannt — vielen Dank dafür. Beide Quellen sind Ausweis für den Ursprung des Verbs im Oberdeutschen und die Wege seiner ‚Verbreitung‘, allerdings auch zugleich für sein niederfrequentes Auftreten.

Abgesehen davon ging es mir nicht um das Verb im Sinne von ’sich aufspielen‘, sondern um die Verwendung in der Bedeutung von ‚(Seiffener) Holzfiguren in der Adventszeit aufstellen‘, vermutlich eine okkassionelle und, wie die erste Recherche zeigt, noch nicht usuelle semantische Engführung zu ‚Spielfiguren aufstellen‘, welches wiederum übertragen zu sein scheint von ‚zu Garben aufstellen‘. Doch das ist bei dieser dürftigen Beleglage im Moment keinesfalls sicher.

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  1. Ein Jahr “Sprachpunkt” | Alexander Lasch - 14. September 2012

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