Brotip #305

29. November 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

Argumentationsmodell nach Toulmin (Quelle verlinkt)Die Argumentationslogik lehrt uns unter anderem, dass Argumentationen meist keiner expliziten Schlussregel bedürfen und dass Stützen für die Schlussregel bedacht eingesetzt sein wollen, um die Authentizität und damit Glaubwürdigkeit der Argumentation nicht zu gefährden. KT aka Karl Theodor zu Guttenberg strich Bedenken dieser Art bei seiner medialen Rückkehr vor wenigen Tagen, hier zusammengefasst in einem Artikel bei Spiegel Online, mit souveräner Geste in den Wind:

„Ich war ein hektischer und unkoordinierter Sammler. Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, dass etwas zu meinem Thema passt, habe ich es ausgeschnitten oder kopiert oder auf Datenträgern sofort gespeichert oder direkt übersetzt“, sagt er. „Ich habe für jedes Kapitel eine Diskette angefertigt, ich habe unterschiedliche Ordner angelegt, ich habe über die Jahre hinweg auf vier unterschiedlichen Computern gearbeitet, die an unterschiedlichen Orten waren.“ Später habe er offensichtlich nicht mehr gewusst, „welcher Text mein eigener und welcher möglicherweise ein Fremdtext war, insbesondere beim Zusammenfügen dieser Bruchstücke“, so der Ex-Verteidigungsminister. Deswegen sei für ihn klar: „Ich habe mit dem Abfassen dieser Doktorarbeit die, noch mal, denkbar größte Dummheit meines Lebens begangen.“

Es ist sicher mühsam, die Anzahl der kausal verknüpften Daten und Schlüsse auf unterschiedlichen Ebenen, sich wechselseitig bedingende Schlussregeln und Stützen nachzuzählen, nachzuvollziehen, zu bestätigen bzw. anzuzweifeln: Dieser Auszug würde vollkommen ausreichen, um sich ausführlich mit dem Toulminschen Argumentationsmodell in einer Hausarbeit im BA-Studium auseinanderzusetzen. Das soll hier natürlich nicht geschehen, vielmehr möchte ich auf die Wirkung eines solchen Aussagekomplexes abheben — er ist nämlich schlicht nicht glaubwürdig. Und das erkennt man auch ohne Toulmin. Doch KT wäre nicht KT, wenn er es auf der medialen „Zwischeneinkehr“ bei diesem Versuch, seine Ehre zurückzugewinnen, beließe.

Brotip #305 (Quellen verlinkt)Er verfolgt noch eine weitere, nicht minder aufwendige kommunikative Strategie: ‚Wenn Dein Argument nicht zündet, korrigiere die Grammatik Deiner Gegner.‘ Oder stelle besser gleich ihre Lese- und Rechtschreibkompetenz im Stile juristischen Einheitskleingraukleins in Frage, um am konkreten Beispiel zu bleiben. Seine Gegner sind aber nicht irgendwelche Dahergelaufenen, sondern die Wissenschaftler an der Universität Bayreuth und die Wissenschaftler, deren Texten er überhaupt erst durch seine Collagetechnik zu Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit verhalf. Man möchte fast meinen, er hege einen Groll gegen den Wissenschaftler an und für sich und seinen eigentümlichen Anspruch des genauen wissenschaftlichen Arbeitens. Dieses rhetorische Glanzstück ist Thema einer kurzen Besprechung von Guttenbergs Buch, die heute in „Campus und Karriere“ im Deutschlandfunk versendet wurde. Verlinkt ist hier direkt die Audiodatei im MP3-Format.

Möglicherweise wird KT angesichts eines solchen medialen Echos bald einsehen, dass er nicht den Brotip #305 (brotip: ‚a protip shared from bro to bro‘), sondern besser Brotip #292 hätte beherzigen sollen. Spätestens auf der zweiten Aventiurefahrt wird er Gelegenheit haben, darüber ein weiteres Buch zu schreiben.

#Sprachpunkt #guttbye #Guttenberg #Plagiat #Betrug #Exil #Comeback #Brotip

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    […] 10 (083) — Brotip #305 […]

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