Die Nacht ist vorgedrungen

18. Dezember 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

Dem Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ sieht und hört man sein Alter nicht an — auf einem kleinen Konzert des Kammerchor Chemnitz wurde es heute von Wolfgang Richter angekündigt mit den Worten, dass wir mit ihm „wohl einen der schönsten Choräle“ mit dem Text von Jochen Klepper (1903-1942), der Melodie von Johannes Petzold (1912-1985) und dem Satz von Christoph Kircheis (1935-1979) vor uns hätten — recht hat er. Der Titel, unter dem es (auch) im Evangelischen Kirchengesangbuch (EKG) geführt wird, ist allerdings irreführend. Die mit diesem Liedzitat, dem ersten Vers der ersten Strophe, sprachlich erzeugte Beklemmung, die den ganzen Liedtext als Grundstimmung durchzieht, wird sehr konkret im zweiten Vers der ersten Strophe aufgelöst:

Die Nacht ist vorgedrungen
der Tag ist nicht mehr fern.

Im gesungenen Lied schließlich bilden sie gemeinsam den ersten Choralvers, der melodisch mit dem zweiten Vers wiederholt wird (So sei nun Lob gesungen, dem hellen Morgenstern), diesem folgen durchkomponiert die Verse 5-8 (Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein) — das durchweg kreuzgereimte Lied kommt so in der Mitte der Tradition evangelischer Lieder- und Choralkomposition zu stehen. Aber schauen wir noch einmal auf den ersten Choralvers, der die beiden ersten Verse des Liedes zu einer Einheit, einem Langvers, bindet:  Um zwei Hauptsätze dieser Art in ein komplexeres Syntagma zu gießen, bietet das Deutsche die Möglichkeiten der Nebenordnung und Unterordnung, die mittels koordinierender und subordinierender Konjunktionen umgesetzt werden. Typischerweise sind das — und ich werde mich hier auf nebenordnende Konjunktionen (in Auswahl) beschränken — und, denn, doch und aber (wer mag, darf noch weil dazudenken, da ich aber die Wortstellungsdiskussion hier nicht führen möchte, lasse ich es explizit aus). Genau diese Nebenordnung unterbleibt im Liedtext, es sind zwei separate Syntagmen, zwischen denen explizit keine Verbindung hergestellt wird — nur durch die Interpunktion bleiben sie aufeinander bezogen. Mit dieser grammatischen Leerstelle bleibt aber nicht nur eine grammatisch-semantische Zuordnung zweier größerer Syntagmen blind.

Ein additives und, welches auf die bloße Zusammenrückung zweier koinzidenter Beobachtungen abzielte, wird ebensowenig diesem Text gerecht wie ein kausales denn, welches den natürlichen (und kausal gedachten) Zusammenhang zwischen (vergehender) Nacht und (werdendem) Tag in den Blickpunkt rückte — diesem sperrte sich semantisch nicht zuletzt das im ersten Vers verwendete deverbale Adjektiv  „vorgedrungen“ in der Konstruktion mit dem Kopulaverb „sein“. Diese Konstruktion, die im ersten und zweiten Vers in Parallelstellung verwendet wird, bedeutet einen statischen Zustand, eine zugewiesene Eigenschaft, mit. Vom „Vergehen“ oder „Werden“ kann also keine Rede sein, sondern nur vom „Sein“.

Und diese zwei Beschreibungen eines Zustandes in seiner (zementierten und untröstlichen) Unverrückbarkeit aus verschiedenen Perspektiven lenkt den Blick noch bestimmter auf die implizit bleibende adversative Konjunktion aber, die buchstäblich zwischen den Zeilen aufscheint. Diese durchbricht den Parallelismus, indem sie nicht nur die metrische Zuordnung stört, sondern die (obgleich nun verbundenen) Syntagmen aussagenlogisch gegeneinander anordnet. Und damit konturiert Klepper das Thema des Textes: Hoffnung auf den nicht nur buchstäblich zu verstehenden Tag in der nicht enden wollenden, auch übertragen zu interpretierenden Nacht mit dem Blick auf den Morgenstern, der aktiv ‚bescheinend‘ ebenfalls einen wichtigen Hinweis auf seine tiefere Sinndimension gibt (Offb 22,16). Diesem, seinem Thema verlieh Jochen Klepper Ausdruck in einem Text, der am Nachmittag des vierten Advents 1937 entstand. Die Melodie von Petzold aus dem Jahr 1939 trägt dem Thema unmittelbar Rechnung, in dem die in Moll gehaltene Melodie aufgelöst wird, was es so unverwechselbar und einzigartig macht.

Klepper, der 1903 in Beuthen geboren wurde, in Breslau/Wrocław ein Theologiestudium aufnahm und in den 1930ern mehr schlecht als recht in Berlin als Schriftsteller lebte, wählte zusammen mit seiner Frau Johanna (geb. Stein) und der Tochter Renate, die Johanna neben der älteren Tochter Brigitte mit in die Ehe brachte, am Vorabend der drohenden Deportation von Frau und Kind den Freitod (11.12.1942). Das war die letzte Repression des nationalsozialistischen Regimes, gegen das Klepper u.a. mit dem Lied „Die Nacht ist vorgedrungen“ fünf Jahre vorher angeschrieben hatte.

Dass ich mich darüber hinaus dem Lied sehr verbunden fühle, hat mehrere Gründe. Christoph Kircheis, der 1979 tragisch verunglückte, ist mein Onkel — seine Musik begleitet mich mein ganzes Leben und so auch dieser Choral, den er Weihnachten 1978 auf Wunsch seiner Frau, Karin Kircheis, für vierstimmigen Chor setzte. Der Satz wurde nie gedruckt und nie aufgezeichnet — wer mag, verstehe das als implizite Aufforderung — und heute hörte ich ihn von einem Chor, in dem ich mehrere Jahre sehr gern gesungen habe, in einer Stadt, in der ich aufgewachsen bin.* Aktualisierungen, Phänomene der Vergegenwärtigung und Präsenz in dieser Dichte sind selten — auch deshalb schreibe ich heute wohl darüber, am vierten Advent.

Und auch, wenn wie in diesem Fall funktionalgrammatische und stilistische Beobachtungen und Beschreibungen (möglicherweise) nur Mittel zum Zweck sind, so hoffe ich dennoch, dass daran an einem besonderen Beispiel deutlich geworden ist, welchen Beitrag eine kulturwissenschaftlich orientierte Linguistik für das weitere Verständnis unserer Kultur liefern und leisten kann, in dem sie ihre Texte und Kontexte beschreibt und ihre (historischen) Entstehens- und Verstehensbedingungen analysiert — und sei es ausgehend von einem nicht gesagten, vielleicht gehofften aber.

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Update (21.12.2011): Einen herzlichen Dank an Peter Schuricht, der mir freundlicherweise den Satz gestern geschickt hat. Diesen kann ich hier nicht veröffentlichen, dafür allerdings das MP3-File, welches ich über den Online-Dienst Hamienet.com aus einem (sehr einfachen) Midi-File konvertierte, das ich mit Hilfe von Anvil Studio 2011 generieren konnte. Update (25.03.2012): Vor drei Monaten hatte ich hier über den Text des Liedes „Die Nacht ist vorgedrungen“ nachgedacht, angeregt durch die Aufführung des Satzes von Christoph Kircheis durch den Kammerchor Chemnitz. Der Satz wurde nun in der Originalfassung von seiner Frau Karin Kircheis für die Veröffentlichung freigegeben. Update (13.10.2012): Der Satz erscheint Weihnachten 2012 in Chemnitzer Weihnacht. Sätze und Kompositionen Chemnitzer Komponisten über den Verlag Edition Chorus mundi (Zwickau). Eine freie Weitergabe ist daher leider nicht mehr möglich, aber der Satz ist dann gedruckt zugänglich.

#Sprachpunkt #Klepper #Kircheis #Die Nacht ist vorgedrungen #Kammerchor Chemnitz #Wolfgang Richter

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  1. Ein Jahr “Sprachpunkt” | Alexander Lasch - 14. September 2012

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