Sind sie heute unglücklich?

21. Dezember 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

Auf Entscheidungsfragen wie „Sind sie heute unglücklich?“ kann möglicherweise jeder Befragte sofort eine Antwort geben, da sie ihn selbst und seine Befindlichkeit unmittelbar betreffen. Sind sie Teil einer „repräsentative Umfrage“, dann stünden üblicherweise folgende Antwortmöglichkeiten zur Wahl:

    (1) ja, (2) nein, (3) kann mich nicht entscheiden.

Ob dieselbe Person auf die Frage „Wie fühlen Sie sich heute?“ geantwortet hätte mit „unglücklich“ oder „glücklich“ (nicht unglücklich)? Wahrscheinlich nicht.  Warum nicht? Weil eine offene Frage, die Kategorien aufruft (und keine in dieser Kategorie dichotomisch geordneten Elemente), zu offenen Antworten führt, keine dichotomisch geordneten Begriffskomplexe, sondern semantische Netze aktiviert. „Sind sie heute unglücklich?“ hingegen ist eine suggestive Entscheidungsfrage, die selektiv einen von vielen möglichen Gefühlszuständen aufruft und dabei  gleichermaßen suggeriert, dass die Frage überhaupt Relevanz hat für das Thema und in Bezug auf das Gefühl eine Entscheidung möglich, wenn nicht gar verlangt sei. Auf keinen dieser Einwände kann ein Befragter reagieren, denn die dafür notwendigen Antwortmöglichkeiten werden nicht gegeben:

    (4) ich bin mit der Selektion eines dichotomisch geordneten Begriffspaares (und präziser dem negativ konnotierten Begriff dieses Paares) aus einer Kategorie nicht einverstanden,
    (5) der Gegenstand der Frage lässt kategorial keine Entscheidung zu,
    (6) diese Frage ist in Bezug auf das Thema nicht relevant.

Nichtsdestotrotz sind solche suggestiven Entscheidungsfragen in „repräsentativen Umfragen“ gang und gäbe, die zur Erhebung einer „Meinung“ genutzt werden („Meinungsumfragen“). Entgegen der landläufigen Auffassung werden aber mittels solcher Umfragen, wie oben skizziert, keine Meinungen und Stimmungen erhoben, sondern Meinungen und Stimmungen als Antworten auf suggestive Entscheidungsfragen.

Welche Reichweite dies haben kann, brachte heute eine dieser Umfragen (DEUTSCHLANDTREND Extra) in Bezug auf den Bundespräsidenten Christian Wulff ans Licht. Anatol Stefanowitsch hat in einem Blogartikel im Social Network Google Plus zu Recht auf die politische Tragweite der Antworten abgehoben, wenn er durchkalkuliert, dass „es immerhin 17 Prozent der [wahlberechtigten] Deutschen [sind], die Wulff für unehrlich halten, aber nicht finden, dass er zurücktreten soll.“ Dies sei, so schließt er, die „eigentliche Katastrophe“ und schon allein deshalb müsse „Wulff schnellstmöglich zurücktreten“ (http://goo.gl/yPDLu), weil nämlich, so darf man folgern, moralische Integrität von wahlberechtigten Deutschen zwar als hinreichende, aber nicht mehr als notwendige Eigenschaft von Politikern angesehen wird.

Schauen wir uns dieses Beispiel auf der Basis der einführenden Überlegungen noch einmal genauer an. Die Präsentation der Ergebnisse dieses DEUTSCHLANDTREND Extra lässt Rückschlüsse auf einen Teil der Fragen zu, die im Telefoninterview gestellt worden sind:

    (1) Ist es in Ordnung, dass ein Ministerpräsident …
    … bei befreundeten Unternehmern einen Kredit aufnimmt?
    … bei befreundeten Unternehmern seinen Urlaub verbringt?
    (2) Ich halte Bundespräsident Wulff für
    … glaubwürdig (wird dann verglichen mit dem 2010 erhobenen Wert),
    … ehrlich.
    (3) Bundespräsident Wulff sollte
    … zurücktreten.
    … im Amt bleiben.

Unterschlagen wird in der Präsentation großzügig, dass bei jedem Ergebnis ein ein- bis zweistelliger Prozentsatz der Befragten nicht mit „ja“ oder „nein“, sondern mit „ich kann mich nicht entscheiden“ geantwortet haben muss: In Bezug auf Wulffs Ehrlichkeit sind das immerhin 12% (ja: 41% nein: 47%). Dass der Anteil der Befragten, die nicht mit „ja“ oder „nein“ antworteten, so gering ist, lässt weiter den Schluss zu, dass es nur drei Entscheidungsmöglichkeiten gab.

Ob dieselben Personen in dieser Eindeutigkeit auf die Frage „Mit welchen Eigenschaften würden Sie den Bundespräsidenten Christian Wulff charakterisieren?“ geantwortet hätten mit „ehrlich“ oder „unehrlich“ (nicht ehrlich)? Wahrscheinlich nicht.  Wären sie offen nach Eigenschaften / Attributen des Bundespräsidenten gefragt worden, hätten sie die „Ehrlichkeit“ als ein Element aus einer Kategorie neben anderen Elementen vielleicht ausgewählt. Ob sie die Elemente ausschließlich dichotomisch evaluiert hätten? Ganz sicher nicht.

Abgesehen davon ist die mediale Präsentation der Ergebnisse nicht transparent, da sie den suggestiven Charakter der zu diesen Ergebnissen führenden Fragen verdeckt: Nur zwei von sechs Ergebnissen werden als Antworten auf suggestive Fragen gezeigt (nämlich die unter [1]), während die übrigen Ergebnisse als wertende Aussagen (2) und (3) Handlungsempfehlungen ausgestellt werden.

Dass für diese mediale Verdunklungsstrategie ausgerechnet die Statistik („repräsentative Umfrage“) herhalten muss, wundert nicht, tut diesem Anwendungsbereich der Mathematik aber unrecht. Doch nicht nur als Statistiker (oder Mathematiker oder Korpuslinguist) muss man sich gegen solche „repräsentativen Umfragen“ stellen, sondern auch und gerade als Diskurslinguist. Neben der statistischen Auswertung und ihren Zeichen- und Symbolsystemen ist es nämlich die Sprache, mit der hier ein „Meinungsbild“ dargestellt werden soll. In Sprache, das ist für Diskurslinguisten heute konstitutiv, sedimentieren allerdings nicht nur Wissen und Meinungen (‚Wulff sollte zurücktreten‘), sondern Sprache konstituiert auch Wirklichkeit: Kann Wulff nur zurücktreten oder im Amt bleiben? Ist Wulff entweder ehrlich oder unehrlich? Gibt es keine Optionen, keine Abstufungen? Nur schwarz und weiß? Doch, das alles gibt es. Nur wird man es nie in „repräsentativen Umfragen“ zu Gesicht bekommen, obwohl diese für die öffentliche Meinungsbildung so entscheidend und wichtig sind.

Und egal, welche Meinung man über den Bundespräsidenten Christian Wulff, der sich im Moment aus guten Gründen der öffentlichen Kritik stellen muss, dieser Tage haben mag, Opfer einer solchen „repräsentativen Umfrage“ zu werden, hat er genau so wenig verdient wie jede andere Person des öffentlichen Lebens.

#Sprachpunkt #Bundespräsident #Christin Wulff #Kredit

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