Skandalisierung von oben

16. Januar 2012

Sprachpunkt, Weiterführendes

Den (verlinkten) Artikel Ein präsidiales Selbstmissverständnis. Er weiß nicht, was seine Rolle bedeutet von Harald Welzer im Feuilleton der FAZ darf man nicht unkommentiert vorbeistreichen lassen.*

Denn er  mag gern (wenigstens) drei Dinge in der Causa Wulff verbergen, die mit einander in Verbindung stehen. Sie sind Teil eines komplexen Rollenverständnisses der Akteure der Massenkommunikation, die jedoch, um wie der Artikel mit Goffman zu sprechen, bald nicht mehr Teil der Hinterbühne sind, sondern der Vorderbühne werden.

Erstens ist sich die überregionale Presse diesmal — wie selten — scheinbar einig, dass ein Nachlaufen hinter der „Skandalisierung von unten“** im doppelt verstandenen Falle von BP Horst Köhler dieses Mal unbedingt vermieden werden muss. Damals hatte man nach wochenlangem Schweigen auf den Protest aus der Blogging-Szene reagiert und noch einmal genauer darüber nachgedacht, wie es denn mit den wirtschaftlichen Interessen der Bundesrepublik im Zusammenhang mit der Legitimierung von Auslandseinsätzen der Bundeswehr aussieht. Nur vergisst man heute dabei: Es gibt keine ähnliche „Skandalisierung von unten“ im Falle von BP Christian Wulff, sondern nur „von oben“.

Das bringt uns zum zweiten Punkt: Der Meinung, Wulff müsse zurücktreten, mag man im Feuilleton sein, dafür lassen sich neben Harald Welzer sicher auch noch tausende weitere Stimmen finden, die in der Sache je aus ihrer Perspektive recht haben mögen. Aber der Souverän (nämlich ‚diese achtzig Millionen + 1‘) sieht das wohl nicht ganz so eindeutig, was seitens der Massenmedien besser auch gern differenziert zur Kenntnis genommen werden sollte, anstatt lieber an der bald ans Lächerliche grenzenden und vollkommen durchsichtigen Strategie (‚Schaut, ein Journalist hat einen Teil der Rechnung beglichen und Wulff wusste nichts davon, ist das nicht beschämend?‘) weiter festzuhalten.

Denn damit, dritter Punkt, macht man das, was man Wulff vorwirft: Man beschädigt das Amt des BP ebenfalls, in dem man den Amtsinhaber einer Kritik aussetzt, die dem Amt wiederum nicht würdig ist. Was kann man ihm mehr vorhalten als den Verstoß gegen ein demokratisches Grundrecht? Etwa, dass ihm an der Kasse bei Discounter XY 15Cent nachgelassen worden sind, weil er als MP oder BP erkannt worden ist, und er die Frechheit besaß, das nicht zu merken?***

Verfolgt man diese Strategie der „Skandalisierung von oben“ weiter, ist es gut möglich, dass nicht nur der „Sitz im Leben“ der ‚politischen Klasse‘, sondern auch der der ‚meinungsmachenden Klasse‘ beginnt zu wackeln. Zu Gunsten von wem? Dem Souverän und seinen Stimmen. Im Web 2.0.

__

* Update (18.01.2012, 18.30 Uhr): Der soeben über Facebook geteilte Artikel „Jurist Grimm zur Causa Wulff. Der Bundespräsident“ im Feuilleton der FAZ zeigt kontrastiv, wie es auch und aus medienlinguistischer und medienkritischer Perspektive in der Sache besser geht.

** Hier gebraucht in Anlehnung an die semantisch äußerst diffusen Begriffe von der „Demokratisierung des Wissens“ bzw. der „Demokratisierung von unten“ und weiter angeregt durch den Begriff „Skandal“, den der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen (Universität Tübingen) im Beitrag des ZDF Heute-Journals „Köhler von Bloggern zu Fall gebracht?“ (http://goo.gl/4cClJ) nutzt, um diesen Prozess der medialen Dynamisierung zu charakterisieren.

*** Update (18.01.2012, 17.10 Uhr): Viele lagen knapp daneben und ich natürlich auch. Es ist nicht der Nachlass beim Discounter, sondern ein Bobby-Car, wie u.a. die BILD ZEIT weiß und schreibt.

#Sprachpunkt #Bundespräsident #Christian Wulff #Horst Köhler

Trackbacks/Pingbacks

  1. Skandalisierung von oben — mitnichten! | Alexander Lasch - 22. Februar 2012

    […] sehr knapp ausfallen. Denn nach der Schlacht um den inzwischen zurückgetretenen BP Wulff (Skandalisierung von oben) klärt uns Bernd Gäbler anhand dieses Beispiels in der ZEIT auf, wie es um die (massenmediale) […]

  2. Ein Jahr “Sprachpunkt” | Alexander Lasch - 14. September 2012

    […] 07 (132) — Skandalisierung von oben […]

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