X [ist] geschrumpft

15. Februar 2012

Sprachpunkt, Weiterführendes

„Schrumpfen“ ist landläufig kein äußerst positiv besetztes Verb. Es bedeutet, dass sich eine Entität verkleinert und zusammenzieht, runz(e)lig und umgangssprachlich „schrump(e)lig“ wird.[1] Es wird in dieser Form im Hochdeutschen seit dem 17. Jahrhundert verwendet, geht als Schwundstufe auf das mittelhochdeutsche „schrimpfen“ zurück, ist auch verwandt mit dem mittelniederdeutschen „scrimpen“ (deutlich ist die zweite Lautverschiebung erkennbar, die u.a. das Ober- vom Niederdeutschen unterscheidet), das wiederum auf das englische „shrimps“ (‚Krabbe‘, ‚Knirps‘) weist.[2]

Im Gegensatz zu „verkleinern“ oder „zusammenziehen“ oder „verlieren“ lizensiert „schrumpfen“ nicht die Option, dass der Prozess der dramatischen (weil deutlich sichtbaren und/oder spürbaren) Verkleinerung wieder umkehrbar sei — aus unserer Alltagserfahrung wissen wir, dass etwas „Geschrumpftes“ in den seltensten Fällen wieder seine Ursprungsgröße annehmen dürfte. Mehr noch: Es suggeriert, dass das Ergebnis in Summe nicht nur weniger sei, sondern auch noch unansehnlich. Das gilt für Hoffnung und Obst gleichermaßen wie für die menschliche Haut — eines der Hauptziele der Kosmetikindustrie ist es konsequenterweise, Produkte zu verkaufen, die solche sichtbaren Alterungsprozesse verlangsamen helfen sollen. Und das schließlich ist das dritte Mitgemeinte: „Schrumpfen“ hat etwas mit Altern zu tun; viele Dinge, die vergehen, werden kleiner in der Art des „Schrumpfens“.

Eine Meldung wie „Deutsche Wirtschaft geschrumpft“ könnte also auf bald hereinbrechende wirtschaftlich schwere Zeiten hinweisen, auf die sich Mitteleuropa unumkehrbar einzustellen hat. Tut sie aber nicht. Sie steht als Überschrift nicht über einem Artikel, der sehenden Auges auf den Abgrund weisen möchte. Sie steht über einem Text, der ganz dem Prosperitätsglauben verhaftet ist:

„Allerdings fiel das Minus der deutschen Wirtschaftsleistung etwas geringer aus als ursprünglich erwartet. Im vierten Quartal 2011 sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,2 Prozent zum Vorquartal, wie das Statistische Bundesamt am Mittwoch in Wiesbaden mitteilte. In einer ersten Schätzung vom Januar hatten die Statistiker noch einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um 0,25 Prozent erwartet. Für das Gesamtjahr 2011 bestätigte das Statistische Bundesamt das BIP-Wachstum von 3,0 Prozent.“ [3]

Was ist passiert? Faktisch nichts. Halt, wir wollen nichts unterschlagen: Die Wirtschaftsleistung hat sich nicht so ‚dramatisch‘ verringert, wie befürchtet. Im letzten Quartal. Schaut man aufs letzte Jahr, hat sich die Wirtschaftsleistung nicht verringert, von einem „Schrumpfen“ kann keine Rede sein. Denn eher das Gegenteil ist der Fall: Das Bruttoinlandsprodukt ist 2011 um 3 Prozent gewachsen. Die Überschrift jedoch suggeriert Schlimmes und steht damit ex negativo symptomatisch für eine Beobachtungs- und Beschreibungskultur, die als einzigen ‚Wert‘ in der ‚Welt der Märkte‘ das ‚Wachstum‘ akzeptiert und damit die ewige ‚Prosperität‘ — also die Fähigkeit zu unbeschränktem Wachstum — der ‚westlichen Welt‘ propagiert. Das Verb „schrumpfen“ ist in diesem Zusammenhang der kleine Bruder der „Krise“ und hat sich massenmedial derart festgesetzt, dass man meinen möchte, dass man sich in Europa (und der westlichen Welt) in nicht enden wollenden ‚Krisenzeiten‘ bewege, die durch nicht enden wollende Prozesse des ‚Schrumpfens‘ begleitet werden.

Es ist nichts passiert. Halt, wir wollen nichts unterschlagen. Für die auf Wachstum geeichte Wirtschaft in der wesentlichen Welt und damit faktisch für die gesamte westliche Welt ist ein Rückgang der Wirtschaftsleistung problematisch, da von der Wirtschaftsleistung eines Landes vor allem die Bereiche abhängig sind, die selbst nicht zum BIP beitragen — der Rückgang trifft also alle. Allerdings werden durch die andauernde hyperbolische Beschwörung des Niedergangs der Wirtschaft alle prosperitätsfördernden Maßnahmen (also jene, in denen ‚Wachstum‘ als ‚Wert‘ betrachtet wird) gerechtfertigt, während andere gesellschaftliche Werte immer stärker in den Hintergrund treten und um ihren Anspruch kämpfen müssen.

So könnte bspw. angeraten sein, wieder stärker über die Verteilung des Vorhandenen nachzudenken (das immer noch anwächst) und bspw. in den Bereich der Bildung zu investieren, der seit Jahren chronisch unterfinanziert ist und (gemessen an seiner prozentualen Bindung an das BIP) tatsächlich „schrumpft“.[4] Dringend stellt sich (Update: nicht nur in Sachsen) die Frage, wie man die zukünftigen Herausforderungen bewältigen will, wenn man gerade die Institutionen, an denen junge Menschen gebildet werden sollen, beschneidet.[5] Möglicherweise helfen nämlich gut ausgebildete Mitglieder einer Gemeinschaft dabei,[6] mittelfristig ein Wachstum zu ermöglichen, das Wert im Sinne des Prosperitätsglaubens schafft. Und vielleicht ist es sogar langfristig möglich, dass eine Gemeinschaft wächst, welche ihre Werte nicht mehr in Abhängigkeit von wirtschaftlicher Prosperität definiert.

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[1] Eintrag „schrumpfen“ im DWDS-Wörterbuch. http://www.dwds.de/?qu=schrumpfen&view=1; Stand: 15.02.2012.

[2] Eintrag „schrumpfen“ im Etymologischen Wörterbuch des Deutschen (nach Pfeifer). http://www.dwds.de/?qu=schrumpfen&view=1; Stand: 15.02.2012.

[3] Minus 0,2 Prozent. Deutsche Wirtschaft geschrumpft. http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/minus-0-2-prozent-deutsche-wirtschaft-geschrumpft-11650136.html; Stand: 15.02.2012.

[4] Damit möchte ich jetzt aber nicht und keinesfalls — um das trotz dieses Artikels noch einmal explizit zu sagen — durch die Hintertür auf das Urteil des Bundesverfassungsgericht (14.02.2012) kommen (Deutschlands Professoren müssen mehr verdienen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,815139,00.html, Stand: 15.02.2012).

[5] Update: In diesem Sinne argumentiert auch die Rektorin der Universität Leipzig heute, am 16.02.2012, in der ZEIT: Kürzen ohne Geist. http://www.zeit.de/2012/08/S-Schuecking; Stand: 16.02.2012.

[6] Update: Vgl. in diesem Zusammenhang auch die kurzen Kommentare und die weiterführende Diskussion zu diesem Artikel bei Google+ (http://goo.gl/3OjDZ), die auf die Thesen Peter Kruses hinläuft (Und bist Du nicht willig, brauch ich Geduld.  http://goo.gl/jdkkx; Stand: 17.02.12).

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