Sprache und Denken – das ewige Thema

20. März 2012

Sprachpunkt

Gestern dachte ich noch, ich lese nicht richtig – 60 Jahre nach Sapir und Whorf müssen wir doch weiter sein. Auf EnyLab wurde der Zusammenhang zwischen „Sprache und Sparen“ hergestellt, herausgearbeitet — natürlich — in einer Studie, die an der Yale School of Management (nicht mit der Yale University zu verwechseln) erschien. Man möchte dem Macher der Studie neben vielem anderen noch die Begriffe Koinzidenz, Kausalität und Korrelation entgegenrufen, da wird via Twitter auf einen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ hingewiesen, der ins selbe Horn bläst (Pressemitteilung | Artikel): „Unsere Sprache prägt, wie wir denken“ bzw. „Wie die Sprache das Denken formt“. So einfach aber, wie es in beiden Artikeln dargestellt wird, lässt sich der Zusammenhang von Sprache, einer kognitiven Fähigkeit, und anderen kognitiven Fähigkeiten keinesfalls erklären. Auch wenn es amüsant ist, sich im „Gefängnis Sprache“ (sprachlich determinierte Weltsicht, Sapir & Whorf) einzunisten und nach witzigen Beispielen umzusehen, so haben weder Eskimos 1.438 oder mehr unterschiedliche Lexeme für Schnee, noch würden sich die Sprecher der Sprache Pirahã in nordamerikanischen Großstädten verlaufen, weil sie keine Zahlwörter kennen, wie man mit Lera Boroditsky mutmaßen könnte. Um nur ein Gegenbeispiel argumentativ in Bezug zum zitierten Artikel aufzuspannen, möchte ich aus der Pressemitteilung kurz zitieren:

„Anders als Englisch oder Deutsch enthält Kuuk Thaayorre – die in Pormpuraaw gesprochene Eingeborenensprache – keine relativen Raumausdrücke wie links und rechts. Wer Kuuk Thaayorre spricht, gebraucht absolute Himmelsrichtungen wie Norden, Süden, Osten, Westen. Zwar tun wir das auch im Deutschen, aber nur bei großen Entfernungen. Wir würden beispielsweise nie sagen: „Diese Banausen platzieren die Suppenlöffel südöstlich von den Gabeln!“ Doch auf Kuuk Thaayorre sagt man etwa „Die Tasse steht südöstlich vom Teller“ oder „Der südlich von Maria stehende Knabe ist mein Bruder“. Um sich in Pormpuraaw verständlich auszudrücken, muss man immer die Windrose im Kopf haben.“

Das Gesagte stimmt in wenigstens zweifacher Hinsicht nicht. Zum einen stimmt die Behauptung unter der explizierten Prämisse, dass Sprache das Denken präge, deswegen nicht, weil dann geschlossen werden müsste, dass die Angabe nicht versteht, wer eine andere Sprache spricht, und — Achtung! — prinzipiell nicht in der Lage ist, ihren Gebrauch zu lernen, weil er eine andere Sprache spricht und/oder ‚keine Windrose im Kopf hat‘ (was übrigens niemandem zu wünschen ist). Zum anderen ‚tun wir im Deutschen dies‘ nicht einmal mehr ’nur bei großen Entfernungen‘. Wir tun es seit einigen Jahren eher kaum noch, wir haben ‚keine Windrose im Kopf‘. Viele orientieren sich bei weit entfernten Ortsangaben an einer imaginären, hängenden Karte, die sie aus unterschiedlichsten Kontexten erinnern  (z.B. aus dem Geographieunterricht oder der Wettervorhersage eines beliebigen Fernsehsenders). Kiel bspw. liegt dann „oben“ und München „unten“. Das versteht nur, wer das zugrunde liegende Konzept der Orientierung auf einer Karte kennt, ebenfalls nichts mit Himmelsrichtungen anfangen kann (oder will) und im alltäglichen Gebrauch davon absehen kann, dass die Lokaladverbiale „oben“ und „unten“ nur in Bezug auf die imaginierte, hängende Karte und nicht etwa in Bezug auf Höhenmeter zu interpretieren sind. Das alles hat aber nichts zu tun damit, dass die Sprecher dieser Sprache andere Orientierungssysteme nicht denken könnten, sondern diese haben in ihrem Alltag keine RelevanzWie zum Beispiel das aus militärischen Zusammenhängen bekannte Orientierungssystem, das, um es verstehen zu können, die Kenntnis einer analogen Uhr voraussetzt. „Diese Banausen platzieren die Suppenlöffel auf 400 [bzw. 1600] der Gabeln“* versteht man nur, wenn man weiß, das mit „400“ bzw. „1600“ (gesprochen „sechzehnhundert“) die Richtung „4 Uhr“ bzw. „16 Uhr“ in Analogie zur Zeigerstellung auf einer Uhr zum Bezugspunkt „der Gabeln“ gemeint ist. Der Bezugspunkt wird dabei expliziert oder eben nicht. Im letzten Fall muss er vom Hörer erschlossen werden. Und dieses weltweit in verschiedenen Sprachen genutzte Orientierungssystem ist auf andere Art komplexer als das nach Himmelsrichtungen, weil Hörer und Sprecher neben der analogen Uhr auch das Konzept der Richtungsangabe nach der Stellung der Zeiger kennen und darüber hinaus noch die Kommunikationssituation interpretieren müssen. Zu wissen, wo die Sonne steht, verlangt ähnliche kognitive Fähigkeiten ab – nur muss es eben für die Sprecher einer Sprachgemeinschaft relevant sein.

__

*Update: Auch darüber könnte man neue Artikel schreiben, Bastian Sick zur unendlichen, immerwährenden und nie versiegenden Freude: Beim neuerlichen Lesen fiel mir gerade auf, dass ich einen Ausschnitt des Zitats falsch wiedergebe. Statt „von den Gabeln“ wie im Original — das „würden [wir] beispielsweise nie sagen“ —  verwenden „wir“ den Genitiv.

3 Kommentare - “Sprache und Denken – das ewige Thema”

  1. M. Dettmann Says:

    Vielen Dank für diesen Artikel. Eine Frage dazu: Sie erwähnen die Sprache der Pirahä. Der Hyperlink bezieht sich dann aber auf die Eingeborenensprache „Kuuk Thaayorre“. Die Argumentationsweise im Zusammenhang mit den Pirahä kann man hier nachlesen: http://sciencev1.orf.at/science/news/122177
    Es geht also nicht um Richtungsangaben, sondern um Zahlwörter. Diese Menschen können kaum bis 3 zählen und finden beispielsweise einen Gegenstand, der in einer Dose mit 3 Fischen darauf versteckt wird, nicht zielsicher wieder, wenn daneben eine sonst gleiche Dose mit 4-Fisch-Abbildung platziert wird.

    Sind dieser und andere Versuche nicht Beweis für diie Sapir-Whorf-Hypothese? Natürlich unter der Voraussetzung, dass bei dem Experiment sauber gearbeitet wurde.

    Mit freundlichen Grüßen

    M. Dettmann

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Danke für den Hinweis. Das ist aus meiner Sicht vor allem ein Hinweis darauf, dass es in einer bestimmten Gemeinschaft üblich ist, Dinge auf eine bestimmte Weise zu konzeptualisieren. Es besteht keine Notwendigkeit, dies anders zu tun, wenn es nicht zu kommunikativen Problemen kommt. Damit hängt freilich auch der Sprachgebrauch in einer Gemeinschaft zusammen. Wenn durch Einfluss von außen die Konzepte in Frage gestellt werden, bspw. in einem Experiment, dann bedeutet es nicht, dass diejenigen, die damit konfrontiert sind, nicht anders denken können, weil sie das andere Konzept wie „4“ nicht bezeichnen können. Aber sie brauchen einfach Zeit, sich mit dem Konzept auseinandersetzen, zu verstehen, zu bewerten und, wenn es als kommunikativ wichtig erachtet wird, einzuüben. Ad hoc kann man mit einem fremden Konzept wenig anfangen.

      Antwort

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  1. Ein Jahr “Sprachpunkt” | Alexander Lasch - 14. September 2012

    […] 08 (102) — Sprache und Denken – das ewige Thema […]

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