Urteil zum „Entnahmeumfang“

16. April 2012

Forschung, Lehre

Ist es nur noch möglich, den empfehlenswerten Reader Sprachwissenschaft zu kaufen bzw. kaufen zu lassen, selbst wenn man für die Lehre nur einzelne Artikel an einen eingeschränkten Kreis an Studierenden weitergeben möchte? Angesichts der Lage an Universitäten und deren Bibliotheken muss man mit einem klaren „Ja“ antworten. Denn mit einer lächerlichen Beschränkung des „Entnahmeumfangs“ auf, in den meisten Fällen, „drei Seiten“ wird man von den Artikeln, die Ludger Hoffmann im abgebildeten Band zusammengestellt hat, nicht mehr viel zu Gesicht bekommen. Und so ist dem Titel „Das Urheberrecht behindert Unterricht und Bildung“ von Thomas Stadler, mit dem er vor wenigen Tagen auf seinem Blog Internet-Law einen Artikel über die Entscheidung des OLG Stuttgart überschrieb, zuzustimmen. In dieser Entscheidung heißt es nämlich lapidar, dass die „Fernuni Hagen […] ihren Studierenden im Rahmen einer geschlossenen Benutzergruppe Auszüge aus einem Lehrbuch als PDF-Datei [nicht mehr] zur Verfügung [] stellen [darf].“ (http://goo.gl/sUwsa).

Ich bin mir nun nicht ganz sicher, auch angesichts der Lektüre weiterer Artikel zu diesem Thema, wie man die Diskussion  um das Urheberrecht nun beflügeln könnte. Wie überzeugt man diejenigen, die behaupten und vielleicht auch glauben, dass „eben im Internet nichts frei sein solle“, in naher Zukunft am besten, dass wir eine hinreichend differenzierende Reform des Urheberrechts brauchen und nicht noch mehr Schranken, die sich ganz einfach errichten, aber nur sehr schwer wieder abbauen lassen?

Im Moment hat man angesichts der Entscheidung des OLG Stuttgart, welche man hier im Wortlaut nachlesen kann, zwei Optionen:

1) Man stellt Auszüge aus Publikationen (wie etwa Aufsätze aus Sammelbänden) einem kleinen und beschränkten Personenkreis online zur Verfügung.

2) Man stellt keine Auszüge aus Publikationen (wie etwa Aufsätze aus Sammelbänden) einem kleinen und beschränkten Personenkreis online zur Verfügung.

Eine Entscheidung für die Option (2) dürfte vielleicht zu Beschwerden und zu Protesten führen, die sich leicht provozieren ließen: Man empfiehlt Studierenden drei Sammelbände etwa aus dem angesehenen Hause de Gruyter (qualitativ sehr hochwertig und -preisig)  als Pflichtlektüre für ein Seminar/eine Vorlesung und fragt die Inhalte in einer Klausur ab. Bei i.d.R. zwei Exemplaren in größeren Bibliotheken ist vorprogrammiert, dass ein Teil der Studierenden die betreffenden Publikationen nie zu Gesicht bekommt. Aber das kann ja niemand ernsthaft wollen.

Eine Entscheidung für die Option (1) sollte man reiflich abwägen. Dabei wird der Abwägungsprozess vielleicht dadurch beschleunigt, dass das OLG Stuttgart für die Auszüge zugleich eine Begrenzung auf „drei Buchseiten“ (mit Speichermöglichkeit, was technisch beinahe immer der Fall ist) und „48 Seiten“ (10% eines Werkes), wenn die Auszüge nicht gespeichert werden können, festgelegt hat (Urteilsbegründung, 2, S. 5f.).

Ehrlicherweise muss man nun sagen, dass Ähnliches bereits seit langem für die so genannten „Kopiervorlagen“ gilt, die in Universitätsbuchhandlungen und Copyshops verkauft werden oder in Lehrstuhlsekretariaten liegen. Aber das macht die Lage ja nicht besser, im Gegenteil. Denn das Urheberrecht und in diesem konkreten Falle die Verlagsinteressen stehen in der nun getroffenen Entscheidung ebenfalls wieder an erster Stelle. Dabei hätte das OLG Stuttgart in diesem konkreten Beispiel die Möglichkeit gehabt, von den Verlagen, hier speziell dem Kröner Verlag, auch Mäßigung einzufordern.

Mit etwas Glück hebt der BGH die Entscheidung auf.

Und mit noch etwas  mehr Glück wird die Rechtslage (UrhG §52a Öffentliche Zugänglichmachung für Unterricht und Forschung) am Ende des Jahres zu Gunsten von Forschung und Lehre und nicht zu Gunsten von Verlegern entschieden.

Wenn dem nicht so sein sollte, gehören die Kalkulationen der Wissenschaftsverlage auf den Prüfstand. Das ist, um nur ein Beispiel zu nennen, für den Verlag Elsevier bereits der Fall. Denn wenn man sich schlussendlich fragt, wie frei Wissenschaft angesichts der Politik einiger Verlage wirklich sei, wird man früher oder später zu dem Schluss kommen müssen, dass man auch ohne die Hilfe großer Verlage in Zeiten des Web 2.0 wunderbar wissenschaftliche Fragen und Ergebnisse mit der (Fach-)Öffentlichkeit teilen kann.

3 Kommentare - “Urteil zum „Entnahmeumfang“”

  1. uzeuner Says:

    Eigentlich brauchte man die Verlage gar nicht mehr, wenn in den Publikationslisten für Stellenbewerbungen oder Habilitationen oder ähnliches die Veröffentlichungen im Web 2.0 anerkannt würden ….

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      … ja, die Illokutionsindikatoren 🙂 Grundsätzlich wäre das zu wünschen, realistisch ist aber, dass die Übergangsphase, bis Open-Access-Publikationsformen und Internetveröffentlichungen als gleichwertig betrachet werden, noch eine ganze Weile sich erstrecken wird. Aus meiner Sicht hat das zwei Gründe: Zum einen ist die Generation, für die Veröffentlichungen im Netz nun üblicher werden, noch kaum auf Positionen angekommen, auf denen Entscheidungen gefällt werden (von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen). Zum anderen ist es heute und auch noch in den nächsten Jahren schwierig, objektive Maßstäbe für eine Bewertung zu finden. Da das Web 2.0 eben keine integrierten Filter hat und prinzipiell allen das Mitmachen gestattet, gibt es z.B. hinsichtlich der Publikationen keine Auslese mehr, die im etablierten System nicht nur von Universitäten sondern eben auch ganz erheblich von Verlagen gesteuert wird. Bis sich hier ein belastbares Evalutationssystem etabliert hat, das in der Praxis auch als (aber eben nicht als gewinnorientierter) Filter fungiert, dürften noch einige Jahre ins Land gehen.

      Antwort

Trackbacks/Pingbacks

  1. Seminar (MA) “Pragmalinguistik” | Alexander Lasch - 16. April 2012

    […] Lektüregrundlage für das Seminar erhalten Sie ab heute leider nicht mehr […]

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