Sprache in den digitalen Medien — ein Interview

Das Interview erscheint gekürzt im Universitätsjournal der Technischen Universität Dresden in der Ausgabe 12/2012 (PDF) und wird hier mit freundlicher Genehmigung des UJ vollständig veröffentlicht.

Sprache ist nie statisch, sie entwickelt sich, unterliegt verschiedenen kulturellen und ökonomischen Einflüssen. Was gestern als falsch galt, kann heute richtig sein. Immer beeinflussten jeweilige technische Entwicklungen Nutzung und damit auch Gestalt der Sprache – der Einfluss der Telegrafentechnik auf die Entstehung des Telegrammstils mag als Beispiel stehen. Wie aber hat sich in den letzten zwei, drei Jahrzehnten geschriebene und gesprochene Sprache im Kontext moderner digitaler Kommunikationsmedien verändert? Mathias Bäumel befragte dazu Dr. Alexander Lasch, Vertreter der Professur für Angewandte Linguistik am Institut für Germanistik.

UJ: Angesichts der Dominanz von E-Mails im Bereich der schriftlichen Kommunikation eine Vorab-Frage: Gibt es Untersuchungen über Spezifik und Umfang des Verlustes der Fähigkeit des handschriftlichen Schreibens? Was besagen die?

AL: Es gibt zahlreiche Studien, die sich mit dem Erwerb von Schriftsprach- und Lesekompetenz beschäftigen. Alle sind sich, unabhängig vom analogen oder digitalen Trägermedium, einig: Wo gern und oft gelesen wird, fällt auch das Schreiben leichter. Hier liegt eine zentrale Verantwortung für Elternhaus und Schule. Für den zweiten Aspekt der Frage, die auf das handschriftliche Schreiben selbst abzielt, könnte man Längsschnittstudien anlegen, die folgende Hypothese bestätigen sollten: Stehen unterschiedliche Trägermedien wie das „analoge“ Papier oder nun auch immer häufiger digitale Trägermedien zur Verfügung, dann wird man Kompetenzen im Umgang mit beiden erwerben müssen, wenn die Anforderungen in der Kommunikationsgemeinschaft dies erfordern, was wiederum immer wieder zu Lasten einer Spezialisierung geht. Kurz: Muss man bspw. eine Bewerbung für einen Ausbildungsvertrag handschriftlich vorlegen, dann werden dies Bildungseinrichtungen auch berücksichtigen. Ist das hingegen nicht erforderlich, dann wird die Option gewählt, die weniger aufwendig erscheint. Denn Kommunikation folgt neben anderen Prinzipien auch dem der Ökonomie. Aber man sollte bei aller Skepsis im Blick behalten, dass Menschen – und das liegt in ihrer Natur – Dinge gern ‚begreifen‘. Das gilt auch für das Trägermedium Papier, dem jüngst von Lothar Müller (Weiße Magie. Die Epoche des Papiers) vollkommen zu Recht und überzeugend kulturstiftende und -prägende Funktion zugedacht wurde. Denn der haptische Eindruck und der Genuss, den man beim Blättern in einem gedruckten Buchs oder beim Lesen eines handgeschriebenen Briefs hat, inklusive dem Eindruck, dass dieser etwas Persönliches habe, lassen sich digital nicht reproduzieren – und so lange darauf Wert gelegt wird, wird es immer auch Handschriften geben. An dieser knappen Charakterisierung lässt sich vielleicht illustrieren, dass dieses Phänomen zu viele unterschiedliche Facetten hat, um eine einfache Antwort zu geben. Um den Bogen zur Ausgangsfrage zu schließen, würde ich gern eine Gegenfrage stellen: Wann haben Sie das letzte Mal ein deutlich lesbares Rezept eines Arztes vor Augen gehabt?

UJ: Wenn kaum noch jemand ordentlich schreiben kann – wie wirkt sich das auf die Arbeit von Grafologen (zum Beispiel in der Kriminalistik) aus?

AL: Zunächst müssen wir zwischen Grafologie und Handschriftenvergleich in forensischen Kontexten unterscheiden. Der Handschriftenvergleich selbst spielt im Bereich der Kriminalistik neben der Phonetik, also der Sprechererkennung anhand von Merkmalen der Stimme (Alter, Geschlecht etc.) und sprachlichen Merkmalen (dialektale Einflüsse, grammatische Fehler, Fremd- und Fachwortgebrauch etc.), dem Profiling und der maschinellen Analyse von Autorenmerkmalen, die mit computer- und korpuslinguistischen Methoden arbeitet, eher eine nachgeordnete Rolle. Das hat ganz verschiedene Gründe. Der Begriff Handschriftenvergleich sagt es bereits: Sie brauchen zum einen Handschriftenproben, die man vergleichen kann. Zum zweiten sind Handschriften höchst individuell und selbst Veränderungen unterworfen. Das kann man schnell an eigenen Gewohnheiten nachvollziehen, wenn man sich etwa die Veränderungen der eigenen Unterschrift anschaut – die Handschrift ist also kein „Fingerabdruck“, um diese Metapher aufzurufen. Das führt in der Rechtspraxis dazu, dass der Handschriftenvergleich eher dazu verwendet wird, um Verdachtsmomente auszuschließen. Relevanter sind in der Forensik Sprechererkennung und die maschinelle Analyse von Autorenmerkmalen, da beide Methoden auf die Bestimmung von Sprachmerkmalen abzielen, anhand derer man z.B. dem KaDeWe-Erpresser Arno Funke alias Dagobert nach und nach auf die Spur kam: Ihn ergriff man, wenn in letzter Konsequenz auch eher zufällig, auf der Basis von Gesprächsdaten und seinem Verhalten am Telefon, nicht wegen eines handschriftlichen Erpresserschreibens, das er auch anfertigte.

UJ: Doch nun zum Kern. E-Mail-Nutzung »verhunzt« geschriebene Sprache – stimmt diese Behauptung? Zumindest was die Umgehung der Sonderzeichen und die Groß- bzw. Kleinschreibung angeht …

AL: Intuitiv weiß man, dass eine E-Mail kein Brief ist, sonst bezeichnete man sie so. Es ist eine eigenständige Kommunikationsform, die zwar mit einem Brief gemeinsame Merkmale teilt, sich aber von diesem auch in anderer Hinsicht deutlich unterscheidet. Nehmen wir etwa Adressierung des Briefs und die Anredeformen herzu. Bei einer E-Mail fungieren idealerweise E-Mail-Adresse des Absenders und des Empfängers als Identifikationszeichen. Aus pragmatischer Perspektive sind Anrede, Gruß und Verabschiedung nicht notwendig, um zu wissen, wer mit einer E-Mail adressiert wird und wer der Sender ist – die Kommunikation kann gelingen, auch wenn ein elliptische Einheit den ganzen Inhalt der E-Mail bildet, wie in „haste zeit?“. Dass dies – unter Umständen – nicht immer situativ angemessen oder höflich ist, ist aber eine andere Frage. Höflichkeit kann man nicht normieren, den rechten und situationsangemessenen Umgang miteinander aber sehr wohl auch in Elternhaus und Ausbildungseinrichtungen, zu denen auch die Universität zählt, immer wieder bewusst machen und einfordern.

Was Groß- und Kleinschreibung, Sonderzeichen wie Umlaute oder die ß-Schreibung betrifft, so kommen wir auf ganz unterschiedliche Problembereiche zu sprechen. Die Groß- und Kleinschreibung ist zum einen in allen anderen schriftlinguistischen Bereichen neben der Zeichensetzung eine der größten Fehlerquellen. Dem Einwand, dass die Regeln selbst zu kompliziert seien, kann man nach den Reformen der Rechtschreibung mit einer Formel begegnen, obwohl Regelkompetenz natürlich erfreulicher wäre: Schreibe getrennt und groß. Ein wesentlicher Teil der Fehler lässt sich so vermeiden; im Zweifelsfall liegt man eher richtig als falsch. Zum anderen lässt sich beobachten, dass in elektronischen Medien konsequente Kleinschreibung wesentlich häufiger auftritt als in traditionellen Medien. Das hat seine Gründe u.a. darin, dass elektronische Kommunikationsmedien internationale Kommunikation befördern und in anderen Sprachen die Groß- und Kleinschreibung wesentlich einfacher geregelt ist, wie zum Beispiel im Englischen. Es handelt sich, genauer gesagt, um eine Besonderheit der deutschen Sprache oder besser der Normierung der deutschen Sprache. Denn die Regeln für Groß- und Kleinschreibung, wie wir sie heute kennen, sind noch nicht so alt, wie viele meinen, auch liegen sie nicht in der Natur der Dinge, die wir mit Sprache bezeichnen. Im Gegenteil: Bis weit ins 17. und 18. Jahrhundert hinein wurde groß geschrieben, was ‚groß‘, d.h. wichtig, war. Die Grimms andererseits verfassten beispielsweise die Einleitung des Deutschen Wörterbuchs im 19. Jahrhundert konsequent in Kleinschreibung, nur Satzanfänge, Eigennamen und Titel setzten sie mit Majuskel. Erst mit den Bemühungen um eine Normierung der Rechtschreibung am Ende des 19. und Beginn des 20. Jahrhunderts, die mit dem Namen Konrad Duden verbunden sind, etablierten sich die heutigen Regeln. In Bezug auf Sonderzeichen sieht die Lage freilich etwas anders aus. In den Anfangsjahren, den 1990ern, als das Medium E-Mail massentauglich wurde, waren technische Übersetzungen der Umlaute nicht immer zuverlässig, was nicht an den Nutzerinnen und Nutzern lag. Der Einfachheit halber – denken wir an die Ökonomie – passten diese ihren Sprachgebrauch an das Medium an und schrieben „ae“ statt „ä“, um zu vermeiden, dass das Gegenüber statt der Umlaute mit ASCII-Code konfrontiert wurde. Heute kommt bei den mobilen und modernen Kommunikationszentralen (Smartphones, Tablets etc.) noch der Aspekt dazu, dass die Eingabemöglichkeiten limitiert sind und man daher auf den aufwendiger einzugebenden Umlaut der Einfachheit halber verzichtet. Interessanterweise gibt es aber auch die umgekehrte Tendenz: Textformate wie die SMS (auf die Kurznachricht übertragene Abkürzung des Dienstes short message service) oder Tweets veranlassen aufgrund ihrer Limitierung Nutzerinnen und Nutzer dazu, wieder Umlaute zu realisieren – man spart dadurch schließlich Zeichen.

UJ: Auch Formulierungsstil (Kürze, Sprachrhythmus) sowie die Frage des Grades der Förmlichkeit dürften sich durch die E-Mail-Nutzung verändert haben, oder?

AL: Ich habe das bereits kurz angedeutet – auch dies lässt sich nicht einfach beantworten. Wenn man davon ausgeht, dass die E-Mail ein erfolgreiches eigenständiges und, mit etwas über 40 Jahren, ein relativ junges Kommunikationsinstrument ist als ein Vertreter digitaler Übertragungsmedien, dann übernimmt sie erfolgreich kommunikative Funktionen, die andere Medien in dieser Form offensichtlich nicht oder nicht hinreichend für bestimmte Kontexte erfüllen können: Sie kann förmlich konzeptionell schriftlich abgefasst sein und ist schneller befördert als Brief oder Telegramm. Sie kann konzeptionell mündlich orientiert sein und deshalb der Gesprächsfortsetzung dienen, um nur zwei Fälle zu nennen. Dass Nutzerinnen und Nutzer bisweilen Kommunikationssituationen unterschiedlich und möglicherweise auch nicht angemessen einschätzen, hat dabei mit dem Medium nichts zu tun, sondern mit der Situationseinschätzung durch Nutzerinnen und Nutzer – auch hier ist eine Sensibilisierung sinnvoll, wie sie in anderen Bereichen längst üblich ist. Zu denken ist bspw. an die Vorbereitung auf Bewerbungsgespräche. Hier prägt der kommunikative Kontext ganz entscheidend die Form des Gesprächs und es gibt eine professionalisierte Beratungs- und Trainingsbranche, die sich nur darum kümmert, die Herausforderungen, die diese Gesprächssituation an junge Menschen stellt, bewusst zu machen. Ähnliches wäre auch für die unterschiedlichen Medien und die kommunikativen Kontexte, in denen diese eingesetzt werden, wünschenswert, man könnte gezielt in der schulischen Ausbildung Medienkompetenz fördern. Da geschieht noch zu wenig. Möglicherweise braucht man dafür aber einfach auch nur Geduld, bis eine neue Generation ganz selbstverständlich mit neuen Medien umzugehen gelernt hat und diese differenziert einzusetzen versteht.

UJ: Einen gedruckten Text rezipiert man linear von Anfang bis Ende, Hypertext – eine netzartig verknüpfte Textstruktur aus verschiedenen Textbausteinen – im Internet dagegen, indem man den vielfältigen Verlinkungen nachgehen kann. Welche Auswirkungen lassen sich dadurch auf unsere Sprache, gesprochen wie geschrieben, feststellen?

AL: Hypertextualität ist mit den digitalen Medien wirklich ein Thema geworden. Betrachtet man aber Möglichkeiten der Textverknüpfung in analogen Medien genauer, so wird man schnell feststellen, dass man durchaus mit Paratexten, Begleittexten, ähnliche Effekte erzielen kann. Eine der zentralen Aussagen, die mir aus meinem Grundstudium in einem Seminar für Mittelalterliche Geschichte in Erinnerung geblieben ist, war: Eine Forschungsmonographie ohne Register (ein Paratext) ist keine gute Monographie. Die Überspitzung muss man nicht mittragen, aber die Aussage ruht auf der Einsicht auf, dass Lektüre nicht zwangsläufig linear erfolgen muss und in bestimmten, z.B. wissenschaftlichen Kontexten auch nicht zielführend ist, sondern dass der schnelle Zugriff auf thematisch relevante Passagen in Publikationen entscheidend für die Arbeit sein kann. Auch Inhaltsverzeichnisse übernehmen eine solche fokussierende Funktion. In narrativen Texten wie Kriminalromanen wird man freilich auf diese Möglichkeiten eher nicht zurückgreifen. Die Beispiele sollen zeigen, dass es auf die Art der Textsorte, die thematische Entfaltung eines Textes (narrativ, deskriptiv, explikativ, argumentativ) und unsere Motivation bei der Rezeption des Textes entscheidend ankommt, wie wir mit einem Text umgehen. Faktisch ist Hypertextualität in den digitalen Medien nur die Fortsetzung dieses Prinzips, nur dass man dann nicht mehr mit einer Publikation in der Hand arbeitet, sondern gewissermaßen vor einem ungeordneten Bücherregal steht. Denn das Entscheidende an der hypertextuellen Verknüpfung auf weiterführende Ressourcen ist, dass man als Nutzerin oder Nutzer vielleicht glauben mag, dass die Verknüpfungen auf der Basis eines Wissensorganisationswissens strukturiert angelegt werden, doch dem ist nicht so. Wenn man also das Bild der Bibliothek bemüht, um über die Informationen im Netz zu sprechen, sitzt man einem Irrtum auf. Das Internet ist nicht mit einer Bibliothek vergleichbar, denn die Informationen in einer Bibliothek sind geordnet. Es ist wichtig, ein Bewusstsein für die Art und Weise der Organisation von Wissen, die der Nutzerin und dem Nutzer beispielsweise in professionell geführten Informationsspeichern wie Bibliotheken abgenommen wird, zu entwickeln und zu fördern: Ohne Wissensorganisationswissen, das sich auf die digitalen Medien einstellt, kann ein Hyperlink auch in die Irre führen. Und, nein, Google hilft einem dabei zumindest im Moment noch nicht weiter.

Für die Produktion von Texten bringt die digitale Verfügbarkeit und damit das nur noch metaphorische Ausschneiden und Einfügen von Textbausteinen neue Herausforderungen und Risiken mit sich, denen sich alle stellen müssen. An einem prominenten Plagiatsfall im letzten Jahr konnte man gut beobachten, was passiert, wenn zwei Generationen mit unterschiedlichen Medienverständnissen aufeinandertreffen: Während die eine noch Collagen mit Schere und Papier anfertigte, erstellte die andere diese mit Strg+C und Strg+V. Auch deshalb blieb möglicherweise das Plagiat selbst zunächst unentdeckt und wurde erst von einem externen Beobachter erkannt. Fälle wie dieser sind aber glücklicherweise Phänomene des Übergangs und neuen Arrangements der Gesellschaft mit analogen und digitalen Medien und sie wurden und werden ausgerechnet von digital natives aufgedeckt, also jenen, um deren Sprachgebrauch man sich gelegentlich sorgt. Ein anderes Problem ist, dass durch die digitalen Möglichkeiten in der Textproduktion die zu bewältigenden Textmengen – man führe sich nur komplexe Antragsvorgänge für Drittmittelprojekte vor Augen – immer größer werden, was nicht immer eine qualitative Steigerung mit einschließt. Während man in den ersten Jahren nach der Ablösung der Schreibmaschine und mühseligen Textproduktionsphasen in modernen Office-Umgebungen hörbar aufatmete, weil man Fehler leichter korrigieren, Passagen schneller ändern und neue Ideen besser einbinden konnte in einen Text und dieser zugleich beliebig reproduzierbar war, zeigt sich nun eine der Kehrseiten, derer sich die scientific community bewusst ist.

Ein großer Vorteil, den die digitalen Medien mitbringen, der in wissenschaftlichen Kontexten nicht hoch genug geschätzt werden kann, ist die Möglichkeit, Ideen und Ergebnisse online zu veröffentlichen. Da befinden wir uns in einer spannenden Umbruchszeit: Während traditionelle Wissenschaftsverlage in die Kritik geraten, so z.B. Elsevier wegen einer auf Gewinnmaximierung ausgerichteten Unternehmensstrategie, fördert die DFG Open-Access-Projekte und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entdecken z.B. Blogs für sich, um aus dem Elfenbeinturm heraus eine breite Öffentlichkeit für ihre Ergebnisse zu interessieren. Wir werden es in den nächsten Jahren alle erleben, dass sich der Austausch unter Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit massiv verändern wird – und dafür sollten wir uns alle einsetzen.

UJ: In den letzten Jahren sind internetbasierte Kommunikationsplattformen wie Facebook und Twitter, aber auch Skype hinzugekommen, allesamt Medien, die besonders geeignet sind, Kurznachrichten zu vermitteln. Lassen sich hier schon Einflüsse auf unsere Art der Formulierens und des Schreibens oder gar auf die Inhalte nachweisen?

AL: Es gab schon immer Medien, die den Einsatz von Sprache limitierten. Das Telegramm mit einem Telegrammstil, auf den Sie einführend schon hingewiesen haben, ist ein Beispiel dafür. Dieser Stil ist geprägt durch Auslassungen, einfache Sätze, Nominalisierung, den häufigen Gebrauch von Abkürzungen und weitere Anzeichen sprachlicher Ökonomie und korrespondiert mit der Funktion des Telegramms: „Ankomme Bahnhof 9.35. Peter“ dient der Informationsübermittlung. Die Kürze der Nachricht korrespondiert hier mit den Kosten für ein Telegramm. Ein zweites Motiv ist die Zeitersparnis: Mit dem Internet Relay Chat (kurz IRC) wird in den späten 1980ern das Gespräch (Chat) in eine digitale und elektronische Kommunikationsumgebung verlegt. Man spricht gewissermaßen (konzeptionelle Mündlichkeit), obwohl man schreibt (mediale Schriftlichkeit). Um schnell zu sein – man will im Chat den Eindruck der synchronen Face-to-Face-Kommunikation aufrechterhalten ‑, muss man sich kurz fassen. Man verwendet Abkürzungen und Akronyme (*eg* für evil grin). Man schreibt klein, weil Groß- und Kleinschreibung in diesem Kontext nicht relevant sind. Das alles sind sprachökonomische Mittel. Eine weitere Besonderheit, die den Chat von Face-to-Face-Kommunikation unterscheidet, ist die Abwesenheit von Körpern und damit von Gestik, Mimik und Stimme, die im Gespräch Haltungen und Meinungen transportieren und modalisieren können. Eines der komplexesten Phänomene ist Ironie, die man der sprachlichen Oberfläche des Textes nicht unbedingt ansehen muss. Um diesbezüglich kommunikative Missverständnisse zu vermeiden und Emotionen zum Ausdruck zu bringen, setzt man Inflexive ein (*lach*) oder ein Zeichensystem, dessen Symbole man als emoticons (ein Kofferwort aus emotion und icons) bezeichnet – eines der wichtigsten ist das für das Anzeigen von indirektem, ‚augenzwinkerndem‘ Sprechen: ;=) Diese sprachlichen Merkmale werden vom IRC ausgehend prägend für die Chat-Kommunikation, wie sie heute über spezielle Messenger läuft: Nach ICQ (I seek you) kam Skype (eine Zusammenziehung und Kürzung von sky peer-to-peer > skyper > skype) und nun Facebook mit der integrierten Chat-Funktion, um nur drei Beispiele zu nennen. Dass einzelne Merkmale dieser Chat-Kommunikation in andere Kommunikationsformen diffundieren, zeigt nur an, dass Nutzerinnen und Nutzer glauben, dass damit kommunikative Probleme und Missverständnisse vermieden werden können, auch wenn durch den Gebrauch z.B. von emoticons auch neue Probleme entstehen können.

Das betrifft z.B. auch die SMS. Deren Form verdankt sich im Wesentlichen dem Willen zur Kosten- und Zeitersparnis. Hier lassen sich alle Formen der sprachlichen Ökonomie finden, die wir für Telegramme oder die Chat-Kommunikation knapp skizziert haben. Tweets, die über das Microblog Twitter versendet werden, unterscheiden sich insofern von Telegramm und SMS, weil hier die Kostenersparnis selbst keinen Antrieb mehr zur Limitierung darstellt, dafür aber das Sprichwort in Anschlag gebracht werden kann: „In der Kürze liegt die Würze“. Auch lassen sich Nachrichten durch Verlinkung und Vernetzung in unglaublichem Tempo verbreiten – wenn sie am Puls der Zeit sein wollen, twittern Sie. Einen Einfluss auf die Inhalte hat das jedoch nicht. Neulich twitterte beispielsweise Steffen Seibert, der Sprecher der Bundesregierung (@RegSprecher):

BRegierung u. Opposition einigen s. auf Pakt f. Wachstum u. Beschäftigung und damit auf Ja zum Fiskalpakt im Bundestag. j.mp/paktf

Das liest sich, bis auf die gekürzte Internetadresse, wie ein Telegramm, oder?

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  1. Ein Jahr “Sprachpunkt” | Alexander Lasch - 14. September 2012

    […] 02 (238) — Sprache in den digitalen Medien — ein Interview […]

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