Introduction / Exercise / Evaluation. Überlegungen zum ICM (Inverted Classroom Model) im Rahmen der Hochschuldidaktik

ICM (Inverted Classroom Model) und „Vorlesung 2012“

In den letzten Wochen des Sommersemesters 2012 warf Ulrich Zeuner auf dem DaF-Blog Fragen auf, die in eine Diskussion über die Weiterentwicklung hergebrachter universitärer Lehr- und Lernmethoden mit den Möglichkeiten des Online-Tutorings mündeten. Dieser Tage ist der Sammelband Das „Inverted Classroom Model“ (ICM)* zur ICM 2012 erschienen und ich möchte die Gelegenheit hier nutzen, noch einmal die Diskussion um die „Vorlesung 2012“ und den Inverted Classroom (IC) aufzunehmen.

Im Ergebnis der Diskussionen im DaF-Blog und hier stand ein dreigliedriges Modell, welches Online- und Offline-Lernumgebungen miteinander verklammert. Zu den Kernelementen zählen dabei eine Vorbereitung z.B. durch Podcast (auch Vidcast), der IC mit „Aktivem Plenum“ (vgl. auch hier) und eine Evaluation. Eine Themeneinheit — z.B. in einem Seminar oder einer Einführungsvorlesung — kann so durch Selbststudium, gemeinsames Üben und eine abschließende evaluierende Sitzung (im klassischen Stil der Vorlesung oder des Seminarstil) erarbeitet werden.

IEE (Introduction / Exercise / Evaluation)

Ich möchte vorschlagen, diesen Dreischritt als methodisches Prinzip IEE (Introduction / Exercise / Evaluation) in die Debatte um hochschuldidaktische Fragen und als Ergänzung zu den Überlegungen über das ICM einzuführen mit dem Ziel, die Qualität in der Lehre zu verbessern — eine Hoffnung, der auch Jürgen Handke auf der ICM 2012 im Februar 2012 (Vortrag & Virtuelle Sitzung) Ausdruck verlieh (vgl. dazu auch die vielfältigen Facetten des Konzepts Lernen durch Lehren). Ergänzen möchte ich sein Modell (Phase 1: E-Learning; Phase 2: [E-]Teaching), das er seit einigen Jahren im Virtual Linguistics Campus (VLC) umsetzt, versuchsweise um eine dritte Phase. Auch wenn der von Handke erhoffte (Neben-)Effekt der Reduzierung der Lehrkapazität (um diese für eine höhere Anzahl von unterschiedlichen Ausbildungsprogramme freizuhalten) mit diesem dritten Schritt wahrscheinlich minimiert wird, so ist doch zu erwarten, dass dadurch dennoch eine neue Qualität des Lehrens und Lernens erreicht werden kann.

a) Introduction (Einführung)

Im Vorfeld einer thematischen Einheit z.B. Syntax des einfachen Satzes bereiten sich die Studierenden im Selbststudium auf der Basis eines für das Seminar / die Vorlesung erstellen Podcasts (auch Vidcasts) in die Thematik ein. Diese Einarbeitung wird unterstützt durch Begleitlektüre aus einschlägigen Einführungen bzw. die für die Lehre an der CAU zu Kiel längst eingeführten Reader für die Einführungsseminare.  Auf der Basis dieser Einführung erarbeiten Studierende im Selbststudium Lösungen für einfache Aufgaben, die im zweiten Schritt gemeinsam präsentiert werden.

b) Exercise (Übung)

Die Übungseinheit bildet idealerweise die erste Doppelstunde einer thematischen Einheit — im Inverted Classroom präsentieren Studierende zum einen die Ergebnisse der bearbeiteten Aufgaben und werden mit neuen Aufgaben konfrontiert, die in der Gruppe zu bewältigen sind — Grundlage für diese Neuverteilung der Rollen in Lehr- und Lernsituationen bilden Überlegungen zum „Aktiven Plenum“.

c) Evaluation (Auswertung)

Die zweite Doppelstunde einer thematischen Einheit dient der Auswertung der Ergebnisse und einer Sicherung des für diese thematische Einheit relevanten Wissens. Diese folgt methodisch der „klassischen“ Vorlesung bzw. dem Seminarstil. Alternativ wäre zwar auch denkbar, Studierende anhand verschiedener Tests die Möglichkeit an die Hand zu geben, ihre Lernleistungen selbst zu überprüfen (wie es im ICM angedacht ist). Allerdings bieten klassische Lehrformate die wichtige Möglichkeit zum Dialog und damit der Verständnissicherung. Dem ist, besonders in Einführungen, unbedingt der Vorzug zu geben (vgl. dazu die Diskussion um die Probleme, die Anna Maria Schäfer & Alexander Sperl  in ihrem Vortrag „Erfahrungen mit dem ICM – Wo können Probleme auftauchen?“ auf der ICM 2012 dokumentierten).

IEE im (Labor-)Einsatz

Im Wintersemester 2012/2013 wird diese dreischrittige Methode erstmals eingesetzt im Seminar „Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft“ an der CAU zu Kiel. Hier im Blog werde ich regelmäßig über die Erfahrungen mit dem Format und besonders die Erfahrungen über die Erweiterung des ICM im Hinblick auf den Lernerfolg der Seminarteilnehmer berichten.

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*Jürgen Handke & Alexander Sperl (Hg.). 2012. Das „Inverted Classroom Model“. Begleitband zur ersten deutschen ICM-Konferenz. München: Oldenbourg.

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3 Kommentare - “Introduction / Exercise / Evaluation. Überlegungen zum ICM (Inverted Classroom Model) im Rahmen der Hochschuldidaktik”

  1. Ulrich Zeuner Says:

    Danke für die Erwähnung meines Blogs 🙂
    Den beschriebenen Dreischritt finde ich gut, frage mich jedoch, wie das bei meinen Themen funktioniert, bei denen ja keine klassischen Übungen gemacht werden, sondern eher Aufgaben gegeben werden, die das Verständnis vertiefen sollen. Vergleiche dazu zum Beispiel: https://bildungsportal.sachsen.de/opal/url/RepositoryEntry/3635314688/CourseNode/86013483919219

    Im „Aktiven Plenum“ wird dann vermutlich die Phase „Übung“ und die Phase „Auswertung“ zusammen in einer Phase stattfinden … Ich werde das im kommenden Semester erst mal mit dem Thema „Landeskunde“ ausprobieren und die anderen Themen des Einführungskurses noch als klassische Vorlesung halten, die – sofern ich eine studentische Hilfskraft dafür finde – gefilmt wird. Diese Mitschnitte werde ich dann in kleine Abschnitte schneiden und mit Aufgaben versehen (ähnlich wie das Thema Landeskunde), so dass der gesamte Einführungskurs dann in seiner neuen Form hoffentlich im Sommersemester 2013 getestet werden kann.

    Zum „Inverted Classroom“ oder auch „Flipped Classroom“ noch zwei interessante Links:
    Anhörens- und nachdenkenswert ist Gunter Dueck  zu flipped classroom (ab 0:19:02): http://www.youtube.com/watch?v=64Dbk6HkoJI
    Hier gibt es eine interessante Diskussion auf G+ dazu: https://plus.google.com/u/0/104988842503783131019/posts/M9i2525Ziq8

    Ich wünsche viel Erfolg mit dem Seminar und bin gespannt auf Ihre Erfahrungen.

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Die Kleinschrittigkeit bzw. positiv gewendet die Integration beider Methoden (also ICM und klassische Frontalformate) in einer ersten Phase der Erprobung des Modells ist deshalb angelegt, weil ich vermute, dass es schwer wird, die Studierenden mit einem radikalen Bruch für den IC und damit verbunden das Aktive Plenum zu begeistern.

      Und ich denke, dass gerade Aufgaben, die das Verständnis vertiefen sollen, in einen Dreischritt zu integrieren sein könnten, oder? Hier geht es ja gerade darum, eine Analyse vor der Gruppe durchzuführen. Auch bietet die Landeskunde doch mit ihren Schnittstellen zu Geographie, Geschichte, Soziologie, Kunst- und Kultgeschichte, Religionswissenschaft usw. aus meiner Sicht — die kann unpräzise sein — gute Möglichkeiten an, an spezifischen Phänomenen, die man in der Introduction vorbereitet hat, in der Exercise z.B. anhand von kontrastiv gegeneinander gestelltem Bildmaterial auf den Leib rücken zu lassen (wie Sie das faktisch in der Beispielaufgabe auch tun):

      http://goo.gl/kM3t9 vs. http://goo.gl/RiY9e

      In der Evaluation könnten dann unterschiedliche Aspekte eines spezifischen Themas, das sich anhand dieser Bilder erarbeiten lässt, noch einmal zusammengefasst (und gesichert) werden.

      Wegen der Zusammenlegung von Exercise und Evaluation: Wenn am Ende das Ergebnis stimmt (also das Lernergebnis erreicht wird), dann spricht viel für eine solche Zusammenfassung, auch das knappe Zeitbudget. Auf der anderen Seite könnte ich mir jedoch vorstellen, dass der Wechsel der Rollen innerhalb einer Veranstaltung dazu führt, dass sich an der Rollenverteilung faktisch nichts ändert — hier bin ich also an Eindrücken interessiert!

      Für die Links und den Verweis auf die Diskussion bei G+ vielen Dank!

      Antwort

Trackbacks/Pingbacks

  1. Alexander Lasch - 14. September 2012

    […] Seminar wird erstmals die dreischrittige Erweiterung Introduction / Exercise / Evaluation (IEE) des Inverted Classroom Models (ICM) umgesetzt. Alle für das Seminar relevanten und darüber […]

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