Sprachen im Abseits

18. September 2012

Lehre, Material, Weiterführendes

Pieter Bruegel der Ältere (1563): Turmbau zu Babel (Wiener Version)

Seit einer Woche widmet sich der „Hörsaal“ bei DRadio Wissen „Sprachen im Abseits“, also jenen Idiomen, die von immer weniger Sprechern im Alltag gelernt, genutzt und weitergegeben werden. Früher hätte man gesagt: „Sie sterben“. Oder: „Das sind (bald) tote Sprachen“. Die Metaphern rühren aus einer Zeit, in der Sprachen gern mit Organismen verglichen worden sind. Da das Sprachpuristen heute immer noch gern tun, also, vom „kranken Patienten Sprache“ sprechen, der „geheilt“ werden müsse, wollen wir das nicht tun. Und zwar aus gutem Grund nicht: Was Puristen als „Krankheit“ bezeichnen, die „geheilt“ werden müsse, würde im Alltagsverständnis des Begriffsfeldes „Krankheit“ und „Tod“ suggerieren, dass der Entwicklungsstand der Sprache, wie er heute erreicht ist, irgendwann zum „Tod“ des „Patienten Sprache“ führe, wenn man ihn nicht „pflege“ — was für Puristen heißt, den „Patienten“ in einen als „gesund“ postulierten Zustand zurückzuversetzen. Interessanterweise ist genau das Gegenteil der Fall: Durch diese Art von „Pflege“ „stirbt“ die Sprache, um das Metaphernfeld weiter auszubeuten.

Die Realität sieht anders aus: „Sprachen im Abseits“ stabilisieren sich bis zur Erstarrung deshalb, weil sie nicht mehr verwendet werden. Die konstruktionsgrammatische Sicht auf die Dinge ist einfach: Wenn Sprache aus Verwendung und ihrem Gebrauch entsteht und auch die Sprachstrukturen als sprachliches Wissen aus dem Gebrauch emergieren, entwickeln diese sich nicht weiter, wenn die Sprache nicht mehr gebraucht wird. Sie behalten ihren dann aktuellen Entwicklungsstand bei. Dieser wird nur noch getragen und überliefert von wenigen Sprechern (und ist abhängig von deren Körpergedächtnis) oder, wenn die Sprache codifiziert ist, von externen Wissensspeichern. Die Ursachen dafür sind vielgestaltig wie die Sprachenlandschaft selbst — einigen von ihnen gehen die in der Serie veröffentlichten Beiträge nach.

Die Beiträge der Serie wurden ausgewählt aus Vorträgen der Ringvorlesung „Sprachen im Abseits„, die das Institut für Romanistik der FSU Jena im Sommersemester 2012 veranstaltete. Bisher sind veröffentlicht:

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