‚Leichte Sprache‘ — 10 Gestaltungshinweise

+++ Hinweis (08.10.16): Dieser Artikel wurde vor drei Jahren veröffentlicht und wird demnächst in einer Überarbeitung aktualisiert werden, da zahlreiche Beobachtungen mittlerweile nach eigenen empirischen Arbeiten zu korrigieren sind. Das betrifft das Verständnis von ‚langen Sätzen‘, Stellung von Adverbialen im Vorfeld, die Nutzung von Kopula- und Passivkonstruktionen, das Präteritum als einfache Vergangenheitsform, konditionale und kausale Nebensätze in Satzgefügen, Verneinung und die Verwendung des Mediopunktes in der Schreibung von Komposita. Ich bin der Auffassung, dass die Regeln des „Netzwerks für Leichte Sprache“ die primäre Zielgruppe (Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung nach IDC F70 und F71) systematisch unterfordern und so massives Stigmatisierungspotential bergen. Das heißt zugleich nicht, dass ich das Teilhabeprojekt in Frage stelle, im Gegenteil. Ich bin interessiert daran, dass es ein gesamtgesellschaftliches Teilhabeprojekt wird mit einer echten Chance auf Teilhabe und Akzeptanz. +++

Die Diskussionen über diesen Artikel (z.B. hier) haben mich dazu bewogen, den 10 Gestaltungshinweisen für die Produktion von Texten in ‚leichter‘ oder ‚einfacher Sprache‘ noch eine Erläuterung vorauszuschicken. ‚Leichte Sprache‘ dient der Barrierefreiheit. Menschen, die aus verschiedenen Gründen nicht richtig lesen können, sollen zum Lesen angeregt werden mit dem Ziel, dass sie sich selbst Informationen beschaffen und damit am gesellschaftlichen Leben besser teilhaben können. Weitere Informationen dazu stellt u.a. das Netzwerk ‚Leichte Sprache‘ bereit, das seit 2006 erfolgreich arbeitet und ebenfalls ein Regelsystem vorgeschlagen hat wie das Leichte-Sprache-Wörterbuch(-Wiki) Hurraki, auf das ich mich in diesem Artikel beziehe. Ausdrücklich möchte ich noch einmal betonen, dass die hier vorgeschlagenen Hinweise nicht isoliert betrachtet werden sollen, sondern ein Phänomen aus verschiedenen Perspektiven beleuchten. Im Wesentlichen geht es nämlich um die Frage, wie man die Komplexität sprachlicher Einheiten reduzieren kann, um das Verständnis zu erleichtern. Ich möchte mich dieser Frage hier aus linguistischer Perspektive nähern. Die 10 Hinweise wären seit dem 04.04.2013 um einen elften Hinweis zu erweitern, der sich ganz grundsätzlich auf das ‚Übersetzen‘ von Texten in ‚leichte Sprache‘ bezieht, und den ich hier voranstellen möchte, um die Struktur des Artikels zu erhalten: Texte in ‚leichter Sprache‘ sind keine komplexitätsreduzierten Linearübersetzungen und damit ‚kleinen Geschwister‘ größerer Texte, sondern eigenständige Formate, die als solche auch zu entwickeln sind. Dem Thema habe ich einen eigenen Artikel gewidmet, auf den ich hier nur verweise.

1o Gestaltungshinweise für die Produktion von Texten in ‚leichter Sprache‘ aus linguistischer Perspektive zur Diskussion

Aktuelle Meldung bei 'Nachrichten leicht' // http://www.nachrichtenleicht.de/

Aktuelle Meldung bei ‚Nachrichten leicht‘ // http://www.nachrichtenleicht.de/

1. Gesprochene und geschriebene Sprache sind nicht identisch.

2. In Texten überschreiten Sätze eine Länge von acht Wörtern nicht.

3. In Texten ist die wichtigste Form des Satzes die des einfachen Hauptsatzes. 

4. (Versteckte) Komplexe Sätze und Satzellipsen in Texten sind nicht leicht zu verstehen.

5. Kurze Sätze sind durch eine sehr klare Thema-Rhema-Struktur und ein hohes Maß an expliziten Wiederaufnahmen miteinander verbunden.

6. Texte in ‚leichter Sprache‘ werden durch die Tempora Präsens und Perfekt dominiert. Futurische Bezüge werden durch temporaladverbiale Angaben hergestellt. Formen des Vorgangs- und Dativpassivs sind ebenso komplex wie Partizipialkonstruktionen oder Konstruktionen mit Modalverben und daher in Texten mit ‚leichter Sprache‘ eher die Ausnahme als die Regel. 

7. Substantivische Genitivattribute werden durch Präpositionalattribute ersetzt. Adjektivische Attribute überschreiten die Länge von zwei Wörtern nicht.

8. Alle Komposita werden mit Bindestrich durchgekoppelt. Auch bei komplexen Verbformen wie zusammengesetzten und Partikelverben kann dies von Fall zu Fall sinnvoll sein.

9. Alle Fremdwörter werden erklärt. Alle Lehnwörter mit erkennbarem Derivationssuffix (z.B. -ismus, -ion, -istisch, -ieren) werden erklärt oder durch Synonyme ersetzt.

10. Die Texte in ‚leichter Sprache‘  setzen auf eine kleine Gruppe von Voll- und Kopulaverben (sein, werden, machen etc.).

Zur Erläuterung

Hurraki -- das Wörterbuch in 'leichter Sprache.

Hurraki — das Wörterbuch in ‚leichter Sprache.

In der letzten Zeit habe ich über die Angebote in ‚leichter Sprache‘ nachgedacht, die nun nach und nach entstehen. Sie scheinen nicht linguistisch grundgelegt zu sein, sondern beruhen im Wesentlichen auf Annahmen darüber, was man intuitiv als ‚leichte Sprache‘ verstehen könnte. Dabei orientiert man sich an verschiedenen Grundsätzen, die — aus meiner Sicht — am deutlichsten im Wörterbucheintrag „Leichte Sprache“ im Leichte-Sprache-Wörterbuch(-Wiki) Hurraki angegeben werden:

So schreibt und spricht man in Leichter Sprache:
– Kurze Sätze
– Keine Kindersprache
– Keine Fremdwörter oder Fachbegriffe (Wenn doch, muss man das Fremdwort erklären)
– Tätigkeitsworte / Verben verwenden
– Nur eine Information pro Satz
– Keine Abkürzungen

So soll Leichte Sprache in Texten aussehen:
– Große Schrift
– Gut lesbarer Schrifttyp. Zum Beispiel der Schrifttyp Arial
– Keine Texte in GROSSBUCHSTABEN schreiben
– Kein Blocksatz
– Keine Spalten
– Genügend große Absätze
– Erklärende Bilder, Symbole und Fotos

Zunächst ist bemerkenswert, dass man in den Regeln scheinbar davon ausgeht, dass geschriebene und gesprochene Sprache den selben Prinzipien zu unterliegen scheinen, was Produktion und Rezeption ‚leichter Sprache‘ angeht. Z.B., dass die ‚Kürze von Sätzen‘ ein Merkmal sei, dass in gesprochener wie geschriebener Sprache mit den selben Mitteln zu realisieren ist. Leider ist es in vielen Fällen so, dass typische gesprochen-sprachliche Muster (z.B. der Weil-Nebensatz mit Verbzweitstellung: […], weil ich habe eingekauft) oder die Satzellipsen mit satzinitialer Konjunktion (Und / Oder / Denn ich habe eingekauft)  zwar in der gesprochenen Sprache gut nachzuvollziehen sind, in geschriebenen Texten aber unter Umständen Probleme im Verständnis bereiten können: Hier müssen die Sätze erst gelesen werden und können nicht simultan beim Hören verarbeitet werden. Eine verständnissichernde Nachfrage ist ebenfalls nicht möglich. Der Grad des Verstehens hängt also  in der Distanz-Kommunikation u.a. auch ganz wesentlich von der Lesegeschwindigkeit und -fähigkeit des Rezipienten ab und damit von seiner allgemein kognitiven Fähigkeit, (sprachlich) vermittelte Informationen präsent zu halten. Auch wenn zu diesen Zusammenhängen noch detaillierte Forschungsergebnisse fehlen, kann man auf Basis der Verständlichkeitsforschung schon einige Empfehlungen geben, die vor allem die Produktion schriftlicher Texte betreffen und damit den ersten oben aufgestellten Hinweis: 1. Gesprochene und geschriebene Sprache sind nicht identisch.

Seiten (bzw. Dokumente) mit invertiertem Kontrast erleichtern das Lesen.

Seiten (bzw. Dokumente) mit invertiertem Kontrast erleichtern das Lesen.

Ein weiterer Aspekt, der sofort ins Auge sticht, ist die Mühe um die Gestaltung — das heißt die Materialität — von Texten. Hier sind nicht nur Fragen des Layouts (kein Blocksatz, keine durchgehende Schreibung in Majuskeln, serifenlose Schriftart, deutliche Absätze, keine Spalten) sondern auch des Zusammenspiels unterschiedlicher Medien (Text und Bild) angesprochen. Auf den ersten Blick fehlen zwei Merkmale: großer Durchschuss und vor allem die Betonung der technischen Möglichkeit, den Kontrast von Texten zu invertieren. In vielen Fällen können Menschen schlechter als andere lesen, weil sie schlechter sehen können — invertierter Kontrast hilft dabei, auf die heller dargestellten sprachlichen Zeichen zu fokussieren und nicht auf den hellen Hintergrund. Dass das dem Gesamtlayout einer Seite entgegenstehen kann, ist von nachrangigem Interesse und muss bei der Planung der Gestaltung einer Seite mit berücksichtigt werden.

Ein drittes Merkmal der oben zitierten Regeln ist, dass sie zu einem großen Teil keine Ge- sondern Verbote darstellen. Anregungen kann man daraus aber leider nicht ziehen: Zu wissen, was man unterlassen sollte, heißt nicht zugleich, dass daraus geschlossen werden könne, was zu tun ist.

Die weiteren oben aufgestellten zehn Hinweise möchte ich im Folgenden diskutieren im Zusammenhang mit den zitierten „Regeln“ und den Ergebnissen einer quantitativ-qualitativen Analyse der Angebote in leichter Sprache. Herangezogen wurden dafür die Seiten (Stand: 25.01.2013)

2. In Texten überschreiten Sätze eine Länge von acht Wörtern nicht.

Die Bundesregierung informiert über das neue Gesetz.

Die mittlere Satzlänge zwischen den Angeboten schwankt beträchtlich:

  • Bundesregierung: 7,42 Wörter

(3) Das kostet nichts. — (15) Das sind Nachrichten über die Politik von der Bundes-Kanzlerin und von den Ministern und Ministerinnen.

  • ‚Leichte Nachrichten‘: 8,92 Wörter

(3) Breivik ist rechtsextrem. — (22) Man sagt dazu Schirm, weil die Länder dadurch geschützt werden sollen  so wie Menschen im Regen unter einem Regen-Schirm geschützt werden.

  • Bundestag: 6,86 Wörter

(3) Es heißt Mauer-Mahnmal. — (19) Wenn sie alle Meinungen über das neue Gesetz oder eine Änderung am alten Gesetz besprochen haben, dürfen sie abstimmen.

Wie man an den Beispielen deutlich sieht, ist die Satzlänge nicht nur ein Indikator für ‚lange Sätze‘, sondern vor allem für ‚komplexe Sätze‘ und komplexe Verbalgruppen. Die vorgeschlagene Satzlänge von 8 Wörtern ist — bis zu einer empirischen Untersuchung zur Verständlichkeit — nur Basis einer Hypothese (‚Sätze mit acht Wörtern Länge sind leicht zu verstehen‘), die sich aus dem Mittel der untersuchten Angebote ableitet.

3. In Texten ist die wichtigste Form des Satzes die des einfachen Hauptsatzes.

DER einfache Hauptsatz im Deutschen ist die Realisierung einer transitiven Konstruktion, die dem Agens-Patiens-Schema in der typischen Ordnung von Subjekt – Prädikat – Objekt folgt. Informationsstruktur und grammatische Struktur gehen parallel — kurz: Die Sätze sind leicht verständlich. Auch Satzkonstruktionen mit den Kopulaverben sein, werden und bleiben sind gut zu erfassen, auch wenn sie sowohl formal wie in Bezug auf den Inhalt vom Agens-Patiens-Schema abweichen.

Positiv (konstruiert): Der Sprecher informiert über das Gesetz.

4. (Versteckte) Komplexe Sätze und Satzellipsen in Texten sind nicht leicht zu verstehen.

Negativ (konstruiert): Wir fragen, ob der Sprecher über das Gesetz informiert. Und ob er auch über andere Dinge sprechen können wird.

In Nebensätzen ist im Deutschen die Verbletztstellung die Regel. Dabei wird der Handlungsrahmen in Sätzen durch das finite Verb aufgespannt und die Projektion einer Konstruktion ganz erheblich auch über das Verb gesteuert. Deshalb sind, wenn möglich, Nebensätze zu vermeiden. Im Beispiel ist ein besonderer Fall realisiert. Hier sehen wir ein komplexes Satzgefüge mit zwei dem Matrixsatz (H1) untergeordneten Nebensätzen (N1 und N2), die ihrerseits durch Konjunktion (und) verbunden sind. Die Sätze enthalten nicht nur nicht viel mehr als ‚eine Information‘, sie zeichnen sich auch durch eine komplexe formale Struktur aus mit drei Verbalgruppen, von denen besonders die letzte (wird sprechen können) in N2 nicht leicht zu erfassen ist. Eine allein durch die Interpunktion realisierte Ausgliederung des zweiten Nebensatzes sorgt nicht für eine Komplexitätsreduktion, da die projizierende Inquitformel Wir fragen durch den Leser präsent gehalten werden muss. Man könnte daher unterstützend als Gestaltungshinweis formulieren: 4a. Kurze Sätze in ‚leichter Sprache‘ beginnen satzinitial nicht mit Junktionen wie und / oder / denn und weil. Damit weist man auf dieses Problem dezidiert hin. Ein ebenfalls komplexes Satzgefüge liegt mit dem Beispiel von den ‚leichten Nachrichten‘ vor:

Man sagt dazu Schirm, weil die Länder dadurch geschützt werden sollen  so wie Menschen im Regen unter einem Regen-Schirm geschützt werden.

Gut gemeint — es wird erklärt, weshalb der Euro-Rettungsschirm so heißt, wie er heißt –, ufert die Paraphrase aus. Das Satzgefüge besteht aus drei Teilsätzen: einem Hauptsatz H1 und zwei Nebensätzen N1 und N2. Das ist auch dann der Fall, wenn N2 als Explikation wie hier nicht durch Interpunktion abgetrennt wird.

5. Kurze Sätze sind durch eine sehr klare Thema-Rhema-Struktur und Wortwiederholungen (eine besondere Form der expliziten Wiederaufnahme) miteinander verbunden.

Positiv (konstruiert): Der Bundestag [Thema] macht das Gesetz [Rhema]. Das Gesetz [Thema] ist sehr wichtig für die Schüler [Rhema].

Ist in guten Stillehren immer davon zu lesen, dass man in schriftlichen Texten die Wortwiederholung (als besondere Form der expliziten Wiederaufnahme) zu vermeiden habe, so ist das in Texten in ‚leichter Sprache‘ gerade nicht so. Durch die Wiederholung wird Verständnis sichergestellt und vor allem die Zusammengehörigkeit von mehreren Sätzen zu einem Thema deutlich markiert. Das linguistische Thema-Rhema-Konzept besagt, dass in einem Satz eine bekannte Information (Thema) und eine neue Information (Rhema) ausgedrückt werden. Ein Folgesatz ist dann leichter zu verstehen, wenn, wie im Beispiel, dessen Thema das Rhema des vorangegangenen Satzes aufgreift, da die Verbindung zwischen beiden Sätzen leichter herzustellen ist. Dies erfolgt in der Regel durch explizite Wiederaufnahmen, für Texte in ‚leichter Sprache‘ besonders durch Wortwiederholungen.

6. Texte in ‚leichter Sprache‘ werden durch die Tempora Präsens und Perfekt dominiert. Futurische Bezüge werden durch temporaladverbiale Angaben hergestellt. Formen des Vorgangs- und Dativpassivs sind ebenso komplex wie Partizipialkonstruktionen oder Konstruktionen mit Modalverben und daher in Texten mit ‚leichter Sprache‘ eher die Ausnahme als die Regel.

Positiv (konstruiert): Der Sprecher hat zuerst die Kanzlerin informiert. Der Sprecher informiert die Presse morgen.

Negativ: Man sagt dazu Schirm, weil die Länder dadurch geschützt werden sollen  so wie Menschen im Regen unter einem Regen-Schirm geschützt werden.

Weiter oben wurde das Beispiel „Euro-Rettungsschirm“ als komplexes Satzgefüge gekennzeichnet, das keinesfalls einen ‚kurzen und einfachen Satz‘ darstellt. Das Verständnis wird weiter erschwert durch die Modalisierung eines Vorgangspassivs in N1 und ein einfaches Vorgangspassiv in N2. Auch wenn durch direkte Wortwiederholung (geschützt werden) das Verständnis gesichert werden soll, so liegt hier doch nur auf der Oberfläche ein Parallelismus vor: In N2 ist werden Passivauxiliar in der 3. P. Sg., in N1 ist werden als Infinitiv Teil des durch sollen modalisierten Verbalkomplexes. Abgesehen von dieser (kleinen) Verwerfung sind Formen des Vorgangspassivs schwer verständlich, weil  sie das typische Agens-Patiens-Schema verkehren und zumeist lediglich dem Perspektivenwechsel dienen sollen — der Agens oder das Instrument einer ausgedrückten Handlung bleibt nämlich in vielen Fällen weiterhin sichtbar (dadurch greift explizit den Schirm wieder auf, ebenso wie Regenschirm).

7. Substantivische Genitivattribute werden durch Präpositionalattribute ersetzt. Adjektivische Attribute überschreiten die Länge von zwei Wörtern nicht.

Ohne Bewertung (konstruiert): Der Beauftragte von der Regierung informiert die Presse morgen.

In allen Angeboten wird konsequent auf das substantivische Genitivattribut verzichtet. Wie sich dies auf die Verständlichkeit von Sätzen und Texten auswirkt, ist ohne konkrete Untersuchungen nicht zu entscheiden. Im Moment scheint es so zu sein, dass damit ein neuerer Sprachwandelprozess bedient wird, der wie alle Sprachwandelprozesse typischerweise in der gesprochenen Sprache beginnt. Die Beschränkung auf eine Zahl adjektivischer Attribute ist, wie der Hinweis auf die Vermeidung komplexer Verbalgruppen, vor dem Hintergrund der Satzlänge zu verstehen.

8. Alle Komposita werden mit Bindestrich durchgekoppelt. Auch bei komplexen Verbformen wie zusammengesetzten und Partikelverben kann dies von Fall zu Fall sinnvoll sein.

Positiv (konstruiert): Der Bürger-Beauftragte informiert die Bürger.

Die Durchkopplung von Komposita mit Bindestrich und Schreibung der einzelnen Glieder mit initialer Majuskel nimmt des Deutschen beliebt berüchtigtes Wortbildungsmittel aufs Korn und ist positiv hervorzuheben. Alle Angebote setzen dieses Mittel ein. Es weist Komposita eindeutig als zusammengesetzte Wörter aus, in dem es sie aufspaltet und doch noch sichtbar als Einheit präsentiert. Zu überlegen wäre, ob man dieses Muster nicht ebenfalls nicht auch auf komplexe Verben wie zusammengesetzte und Partikelverben anwendet, wie das im Hinweis realisierte Partizip/deverbale Adjektiv durch-gekoppelt. Eine Anregung aus der Diskussion zu dieser Liste an „Hinweisen“ kann man hier noch anfügen: 8a. Wörter mit einer Silbenanzahl ab vier Silben werden auf Synonyme geprüft.

9. Alle Fremdwörter werden erklärt. Alle Lehnwörter mit erkennbarem Derivationssuffix (z.B. -ismus, -ion, -istisch, -ieren) werden erklärt oder durch Synonyme ersetzt.

Positiv: YouTube ist Englisch. Man spricht JuTub.

Positiv (konstruiert): Jemanden zu „informieren“ heißt: Jemanden benachrichtigen. Man kann auch sagen: Jemandem eine Nachricht bringen.

Bei der Analyse der Angebote der Bundesregierung fiel deutlich auf, dass das Verb informieren wie selbstverständlich verwendet wird. Doch wird dieses ‚einfach‘ verstanden? Die Redakteure der Seite gehen scheinbar davon aus, denn sonst würde eine Explikation wie im konstruierten Beispiel nicht fehlen. Der Hinweis zielt darauf ab, nicht nur Anglizismen (wie im Falle von YouTube) zu erläutern, sondern auch vermeintlich zum Basiswortschatz gehörende Lehnwörter zu prüfen, die seit dem Frühneuhochdeutschen gebraucht werden.

10. Die Texte in ‚leichter Sprache‘  setzen auf eine kleine Gruppe von Voll- und Kopulaverben (sein, werden, machen etc.).

Die Verben sein, werden und bleiben als Kopulaverben sind aus der ‚leichten Sprache‘ ebenso wenig wegzudenken wie einfache transitive Verben (siehe dazu oben Hinweis 3). Daneben spielt machen eine große Rolle, das in der Regel eher der Domäne des Mündlichen zugeordnet wird. Sein großer Vorteil (wie bei tun) liegt darin, dass es zwar eine Handlung ausdrückt, diese aber nicht semantisch spezifiziert. Damit ist es vielfältig in verschiedenste Aussagen integrierbar. Funktionsverbgefüge (in Rechnung stellen, zur Vorlage kommen) werden in den untersuchten Angeboten nicht oder nur niederfrequent verwendet — deshalb werden sie explizit im Hinweis nicht ausgeklammert. Auffällig ist die hohe Frequenz der Modalverben könnenmüssen und sollen. Zu empfehlen wäre unbedingt, diese vor allem in präsentischen Verbalgruppen zu verwenden, um deren Komplexität nicht noch weiter auszubauen. Die 15 häufigsten Verben der drei näher betrachteten Angebote sind (ermittelt mit AntConc):

sein
haben
geben
werden
können
heißen (X heißt: Y)
müssen
bedeuten (X bedeutet: Y)
finden (X kann man hier finden)
bekommen
machen
stehen
nennen
wollen
arbeiten

Die geringe Korpusgröße spiegelt sich natürlich in der Liste der häufigsten Verben wider. Sein und werden als Kopulaverben und Auxiliare erscheinen, erwartungsgemäß, weit oben in der Liste. Dieser Befund führte — bei werden  — darauf, dass eine große Zahl an Konstruktionen des Vorgangspassivs in den Texten ausgewiesen werden konnte, vor allem in den ‚leichten Nachrichten‘.  Hier bleibt die weitere Entwicklung abzuwarten. Bleiben hingegen fehlt, dürfte aber bei entsprechender Korpusgröße seine Berechtigung haben. Bedeuten, heißen und finden weisen auf metasprachliche Kommentare zur Explikation einer Begriffsintention hin (siehe auch das Beispiel zu Youtube) oder auf Navigationshilfen.

Ausblick

Der Artikel versuchte, einige Merkmale der ‚leichten Sprache‘ zu explizieren und in Gestaltungshinweise umzusetzen. Noch einmal sei betont, dass Untersuchungen zur Verständlichkeit der Texte noch ausstehen und die hier formulierten Hinweise so lange nur die Qualität von Hypothesen haben: Es sind zehn Gestaltungshinweise für die Produktion von Texten in ‚leichter Sprache‘ aus linguistischer Perspektive zur Diskussion.

Leichte Nachrichten Deutschlandfunk

, ,

9 Kommentare - “‚Leichte Sprache‘ — 10 Gestaltungshinweise”

  1. re2tko2vski Says:

    Ich möchte noch einen Punkt 6a vorschlagen: 6a. Texte in ‘leichter Sprache’ werden durch das verallgemeinernde Maskulinum dominiert. Feminine Bezüge werden durch attributive Angaben hergestellt. Femigrammatik wird nicht unterstützt. Bspe.: Statt „Schülerinnen und Schüler“ oder „SchülerInnen“ heißt es „weibliche und männliche Schüler“. Statt „die Vorständin Müller“ heißt es „das Vorstandsmitglied Frau Müller / der Vorstand Frau Müller“. Wäre doch ganz im Sinne der Leichtigkeit. Noch ein Hinweis zu Punkt 9: „auch vermeintlich zum Basiswortschatz gehörende Lehnwörter zu prüfen, die seit dem Frühneuhochdeutschen gebraucht werden.“ Merken Sie nicht, wie unglaublich widersprüchlich es ist, wenn eine Forderung, die Sprachwissenschaftler regelmäßig als [sprachkonservatives, Korr. A. L.] Ansinnen verhöhnen, urplötzlich zum […] Barrierebrecher uminterpretiert wird, nur weil sie jetzt von Personen gestellt wird, die im „richtigen“ […] Lager sitzen?

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Zu 6a, da haben Sie ganz recht – Explikationen wie „Schülerinnen und Schüler“ werden explizit für die Leichte Sprache ausgeschlossen, zumindest in den gängigen aus der Praxis abgeleiteten Regeln. Empirische Erhebungen zur Verständlichkeit anderer geschlechterneutraler bzw. -gerechter Formen liegen nicht vor. Zu 9, Polemik! Die Übertragung von Lehn- und Fremdwörtern in einer funktionalen Varietät wie der Leichten Sprache folgt dem Prinzip, Variation möglichst zu vermeiden und möglichst ohne weitere Erklärungen ein Verstehen von Texten zu ermöglichen. Das hat nichts mit Fremdwortpurismus in Bezug auf die Standardsprache zu tun. Die politischen Bewertungen in Ihrem Kommentar habe ich mir erlaubt zu streichen bzw. im Sinne der Sache umzuformulieren.

      Antwort

  2. re2tko2vski Says:

    Hallo Herr Lasch, dass Sie Wörter wie „rechtsradikal“ und „sozialistisch“ zensieren, die zum völlig normalen politischen Diskurs gehören, haut mich jetzt echt um! Wollen Sie denn IM ERNST behaupten, dass die Sprachwissenschaft von heute nicht linksideologisch durchsetzt sei??? [usw., gekürzt. A. L. ]

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Dass „die Sprachwissenschaft linksidiologisch durchsetzt“ sei, halte ich für eine nicht zulässige Unterstellung mit politisch höchst brisanten Begriffen, um es neutral zu sagen. Aber abgesehen davon werde ich Kommentare, die „sozialistischen“ Sprachwissenschaftlern unterstellen, populistische Sprachkritik als „rechtsradikal“ einzustufen, so wie Sie das hier auf diesem Blog vermutlich zum letzten Mal getan haben, hier nicht unkommentiert und -bearbeitet lassen. Und Sie irren sich – ich darf festlegen, von wem ich Kommentare lesen und was ich nicht in Kommentaren lesen möchte: Hinweis zur Kommentarfunktion. Sie hätten sich doch an der Debatte um Leichte Sprache auch ganz ohne Lagerkampf beteiligen können — jede Stimme ist willkommen, aber nicht in dieser Tonlage.

      Antwort

  3. re2tko2vski Says:

    Hallo Herr Lasch,

    Sie zetteln eine Protestaktion gegen einen kapitalistischen Zeitschriftenredakteur an, in der Sie für einen Grünen-Politiker Partei ergreifen, und meinen, dass sei kein Lagerkampf?

    PS: Man kann natürlich darüber diskutieren, ob und in welchem Maße Begriffe wie „sozialistisch“ etc. jeweils angebracht sind. Bei der Kürze der Kommentare erlaube ich mir jedoch, etwas zu pauschalisieren.

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Ja. Denn nicht nur Hofreiter war hier – unberechtigterweise – Zielscheibe, sondern auch die Menschen, für die Leichte Sprache sinnvollerweise gemacht ist.

      Von mir aus hätte auch Pontius über Pilatus lachen können, der Text hätte genau so ausgesehen – bis auf die Anschrift, natürlich 😉

      Antwort

  4. re2tko2vski Says:

    Hallo Herr Lasch,

    viel mehr als Ihre politische Parteiergreifung wurmt mich die Tatsache, dass Sie nicht mal *einsehen* wollen, dass es sich um eine politische Parteiergreifung handelt.

    Der Pöpsel-Kommentar ist billige Polemik, da sind wir uns sicher einig. Aber es ist keinesfalls „wisenschaftlich bewiesen“, dass Pöpsel sich über Menschen mit Sprachproblemen lustig macht. Ihm dies zu unterstellen, ist legitim, Sie können diese Meinung ruhig veröffentlichen, aber bitte nicht so tun, als habe das mit Politik nichts zu tun!

    Ich halte es übrigens für eine natürliche Reaktion, auf die „leichte Sprache“ erstmal mit Ablehnung zu reagieren. Und ich glaube sogar auch (und dies ist jetzt meine persönliche Meinung bzw. Unterstellung), dass die „leichte Sprache“ absichtlich so gestaltet wurde, dass sie provoziert. Man muss sich doch mal fragen, warum sie gerade *jetzt* auftaucht und nicht vor 20 Jahren oder so. M.M.n. ist es der Zeitgeist der politischen Korrektheit, der dazu führt, dass an immer mehr Stellen die normale, natürliche Sprache durch künstliche Regeln manipuliert wird, sei es durch Femigrammatik, Tabuisierung von angeblich diskrimierenden Wörtern oder „leichte Sprache“. Dadurch wird die Verständigung nicht vereinfacht (das verallgemeinernde Fem. z.B. verwirrt nur), also muss es eine andere Motivation geben. Und die besteht m.M. nach einfach darin, das bürgerliche Lager zu ärgern und zu nerven (vgl. L. Pusch). Insofern kann ich Pöpsels Reflex nachvollziehen. Geschickter wäre allerdings gewesen, er hätte sich nicht provozieren lassen.

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Meine Sicht der Dinge: Person A macht sich lustig über Person B und Personen C, die schreiben für eine Gruppe D. B ist zufällig (oder als prominentes Ziel) Bundestagsabgeordneter, C sind die Mitglieder des Netzwerks Leichte Sprache und D sind Menschen mit Behinderungen, die nicht richtig lesen und schreiben können. Diese haben einen Rechtsanspruch auf für sie aufbereitete Informationen. Bestenfalls ist der Chefredakteur A nicht informiert. Das möchte ich ihm nicht unterstellen. Das heißt, dass er sehr wohl wusste, was er in betreffendem Tutorial äußerte und wen er adressierte. Ich würde die Diskussion hier an der Stelle gern beenden, da sie sich immer weiter vom Thema entfernt — wir sprechen nämlich über dieses: https://alexanderlasch.wordpress.com/2013/11/14/setzen-sechs/.

      Antwort

Trackbacks/Pingbacks

  1. Was Redakteure von der Leichten Sprache lernen können | Blind-Text - 1. Juli 2014

    […] Leichte Sprache – Zehn Gestaltungshinweise […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: