Handys abschalten? Warum?

15. Februar 2013

Sprachpunkt

Gestern wurde in der Neuen Osnabrücker Zeitung ein Interview mit dem Vorsitzenden des Deutschen Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, veröffentlicht zum Thema „Müssen Kinder 700-Euro-Smartphones haben?“. Der Stoß des Interviews ging in Richtung der „Copy & Paste“-Generation, die durch den Umgang mit IT-Technik, zu der auch Smartphones zählen, immer häufiger dazu veranlasst werde, Wissen anderer unreflektiert zu übernehmen. In die Plagiatsdebatte möchte ich mich hier aber nicht erneut einschalten, sondern mein Augenmerk auf ein Detail richten, das im Interview kurz zur Sprache kam, aber nicht weiter vertieft wurde — offenbar sah auch der Interviewer keinen Grund, noch einmal nachzuhaken:

Wo ist Handlungsbedarf?  Das größte Problem sind jene Schüler, die schon in der Mittelstufe internetfähige Smartphones haben. In Sekundenschnelle können sie unter dem Tisch Antworten auf eine gerade gestellte Frage des Lehrers googeln. Das ist eine nicht akzeptable Ungerechtigkeit gegenüber jenen, die sich an die Regeln halten. Wir müssen dringend in den Griff bekommen, dass – wie eine neue Umfrage belegt – 80 Prozent der Schüler ihr Handy dauernd eingeschaltet haben und während des Unterrichts über Facebook miteinander kommunizieren. Ich appelliere dringend an die Schüler, strikt auf die Ausschaltung von Handys zu achten. Ihr Einzug ist rechtlich nicht möglich. Die Eltern fordere ich auf, maßvoll bei Geschenken zu sein. Müssen Kinder 700-Euro-Smartphones haben?

„Müssen Kinder 700-Euro-Smartphones haben?“ Die Antwort Meidingers ist, unausgesprochen, „Nein“. Meine Antwort ist: Nein. Zumindest was den Preis betrifft, denn hier ist man nicht auf einen Hersteller angewiesen. Und abgesehen vom Preis wäre meine Antwort: Warum nicht? Und was geht das die Schule an? Warum sollten Kinder nicht ihre Smartphones eingeschaltet haben? Warum sollten Sie diese in der Schule nicht nutzen? Warum sollten Sie in „Sekundenschnelle“ nicht die Antworten „auf eine gerade gestellte Frage des Lehrers googeln“? Die Fragen müssen meiner Meinung nach eher lauten:

  • Warum müssen SchülerInnen ihr Smartphone unter dem Tisch benutzen?
  • Welche Antworten auf welche Fragen kann man denn einfach via Suchmaschinen ermitteln?
  • Warum stellt man den SchülerInnen, die privat kein Smartphone besitzen, nicht eines zur Verfügung?
  • Was will man da in den Griff bekommen? Gibt es keine sinnvollen Nutzungskonzepte für Smartphones im Unterricht?

Alle diese Fragen sind rhetorische wie die Frage Meidingers. Nicht, dass ich falsch verstanden werde: Kognitive Lernprozesse werden durch (fein-)motorische Tätigkeiten unterstützt. Das soll heißen: Wer mit Stift und Papier arbeitet, lernt intensiver, auch wenn wir noch zu wenig über das so genannte Körpergedächtnis wissen. Aber warum soll ein solcher Lernprozess nicht durch moderne technische Möglichkeiten unterstützt werden? Ich sehe den Punkt Meidingers nicht.

Offen erlaubte Nutzung von Smartphones würde nach und nach zu einer Normalisierung im Umgang mit den Geräten führen, abgesehen davon, dass sich neben der Recherchemöglichkeit auch Optionen auf kollaboratives Arbeiten oder modernes Feedback ergeben würden: Da Meidinger Google schon ins Spiel bringt, schauen wir doch mal, was mit Google geht. Google bietet mit Google Education Apps eine Lernumgebung an, die sich sehen lassen kann: Unterstützt mit Chromebooks oder den Geräten der Nexus-Reihe lässt sich moderne Kommunikationstechnik in jedem Klassenraum einsetzen, die von Seite der Lehrenden gesteuert werden kann und zudem viele Schnittstellen zu privaten Nutzungskonzepten offeriert. Also: SchülerInnen sollen das Smartphone auf dem Tisch nutzen. Dann sieht man nämlich, was sie tun. Das ist modern, so wie das Buch im 18. Jahrhundert modern war — und zu ähnlichen medienkritischen Äußerungen wie Meidingers Medienschelte führte.

Kinder bilden Lehrer weiter. Im Umgang mit dem Smartphone im Unterricht. Projektschule Goldau (http://www.projektschule-goldau.ch)

Das bringt uns zum zweiten Punkt: Welche Antworten auf welche Fragen kann man denn einfach via Suchmaschinen ermitteln? Die Hauptstadt von Albanien? Tirana. Der höchste Berg der Alpen? Der Mont Blanc. Wo liegt der? In Frankreich. Was ist eine Alliteration? Was ist eine Säure? Wie schreibt man Rhythmus? Alles das sind Fragen, deren Antworten sich leicht über eine Suchmaschine finden lassen, da man zumeist ohnehin auf einen entsprechenden Eintrag in der Wikipedia gelenkt wird. Offene Fragestellungen hingegen und vor allem so genannte Fermi-Probleme, die die Lernenden mit komplexen Aufgaben konfrontieren, die es zu lösen gilt, lassen sich nicht per einfacher Suchanfrage lösen. Das erfordert auf Seiten der Lehrenden natürlich, dass sie sich von geschlossenen Fragestellungen in offenen Lernumgebungen als ihrem Standard verabschieden.  Und wer behauptet, das sei doch heute schon der Fall, der lese noch einmal das Zitat Meidingers, da genau steht das Gegenteil. Auch das soll wiederum nicht heißen, dass geschlossene Fragen keine Berechtigung hätten: Relevantes Wissen kann schnell abgefragt und damit sichergestellt werden, dass es in einer Lernergruppe gesichert ist. Doch bezweckt man dies, wird man als Lehrender schnell sehen, wer eine Anfrage via Smartphone starten muss, um eigentlich gesichertes Wissen von anderer Quelle zu besorgen. Auch das ist eine Lernerfolgskontrolle.

Den dritten Punkt habe ich weiter oben bereits an zwei Stellen angeschnitten: Zum einen gilt, dass man Smartphones / Tablets / Notebooks nicht vom teuersten Anbieter am Markt kaufen muss. Zum anderen gilt, wie für Lernmittel generell, dass dafür nicht Schüler aufkommen sollen, sondern der Bildungsträger. Nur müssen der und Lehrende erst erkennen, dass es sich dabei um Lernmittel handelt. Wenn ich mir die zögerliche Implementierung von „Informatik-Kabinetten“ in die Schule in den 90ern vor Augen halte, wird das sicher noch einige Jahre dauern. Leider. Dabei zeigen viele Projekte (z.B. an der Projektschule Goldau) heute schon, was möglich ist.

Eltern sollten also nicht ihre Geschenke überdenken, sondern den Lehrenden ordentlich Beine machen, die ihren Kindern Lernunwilligkeit und latente Betrugsabsicht in jeder Lebenslage unterstellen. Denn dann haben diese noch nicht verstanden, welche Lernumgebungen denkbar sind, wenn man sich an ein modernes Mediennutzungskonzept heranwagt. Und einmal mutig ist. Dieses Mal hätten die Schulen die Gelegenheit, es muss ja nicht jedes Mal so enden wie mit dem Buch. Oder doch?

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17 Kommentare - “Handys abschalten? Warum?”

  1. Jöran Says:

    Danke für den Artikel!
    Zur Begegnung der Copy-and-Paste-Problematik habe ich gerade einen ernsthaften Antwortversuch angeregt: http://educamp.mixxt.de/networks/forum/thread.258366:1

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    • Alexander Lasch Says:

      Vielen Dank für die wunderbare Ergänzung! Ich verfolge die Diskussion „drüben“ mal weiter mit, obwohl die auch sehr gut in die „Digitale Bildung“ bei Google+ passte. Strg+C & Strg+V?!

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  2. Ulrich Zeuner Says:

    Auch von mir vielen Dank für den Artikel und die wirklich gute Argumentation.

    Mutige Schulen brauchen mutige Lehrerinnen und Lehrer, die mit den Möglichkeiten des Internets und den Arbeitsmöglichkeiten mit Smartphones / Tablets / Notebooks didaktisch gut umgehen können. Dies spielt – glaube ich – in der Ausbildung und in der Weiterbildung eine noch zu geringe Rolle. Auf meine Frage an Studierende in meinem Seminar zu neuen Medien im DaF-Unterricht, ob dies auch in anderen Fächern eine Rolle spiele, erhielt ich zum Beispiel die Antwort: Man hätte in der Anglistik mal mit Hot Potatoes etwas gemacht …

    Sinnvoller Einsatz neuer Medien braucht auch andere Vorstellungen von Lernen, als die, Faktenwissen zu schütten. Und er braucht auch andere Organisationsformen, denn in 45 Minuten einer Schulstunde kann man schlecht an komplexen Aufgaben kooperativ arbeiten. Dazu hat Prof. Dr. Stefan Aufenanger (Universität Mainz, Erziehungswissenschaft und Medienpädagogik) hier etwas gesagt: http://youtu.be/v78gOFnUoLA

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    • Alexander Lasch Says:

      Vielen Dank! Jetzt kann ich endlich erklären, weshalb ich den Artikel mit dem Tag „Hochschuldidaktik“ versehen habe 😉 Ganz elementar scheint mir zu sein, dass man in der LehrerInnenausbildung selbst aktiv vorangeht in der Hoffnung, dass es den ein oder anderen anregt, selbst mit neuen Lernumgebungen, die technisch gestützt sein können, zu experimentieren. Das kann ja durchaus in einem Tutorium oder einem Schulpraktikum passieren, warum nicht? Auch der Hinweis auf die Struktur der Unterrichtseinheiten ist sehr wichtig – hier haben die Schulen (z.T. mit auch mit den Angeboten am Nachmittag) zum Glück das Zepter selbst in der Hand. Gegenwärtig wurde der Einwand gegen neue Unterrichtskonzepte, die Unterrichtsstunde habe aber doch nur 45 Minuten, in diesem Zusammenhang noch nicht hörbar vorgetragen. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir den noch zu hören bekommen werden. Leider.

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  3. gunboundchars Says:

    Sehr schöner Artikel 🙂

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  4. damianduchamps Says:

    Guter Beitrag, Danke. Die Aussagen von Heinz-Peter Meidinger zeigen leider nur mehr als deutlich, dass es zu viele Pädagogen noch nicht verstanden haben. Beiträge wie dieser sollten Pflichtlektüre für Lehrerinnen und Lehrer sein. An den Hochschulen und Lehrerseminaren bewegt sich nur wenig in diese Richtung, solange die Personen, die zukünftige Pädagogen ausbilden, selbst keine Ahnung haben. Zwar bewegt sich mittlerweile schon etwas in Sachen Unterrichtsmethodik, doch bei den Medien hakt es noch sehr.

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  5. yongoli Says:

    nix gegen das internet, schon in ordnung, dass man da mal was nachschaut. aber…..

    …..aha. man braucht in zukunft nix mehr lernen. nur mehr googlen wenn ‚vorne‘ eine frage gestellt wird. irgendwann wirds im google keine neuen antworten mehr geben, weil diejenigen, die da was reinstellen ja nix mehr gelernt haben…..

    arme zukunftswelt…..

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  6. Katja Friedrich Says:

    Danke für den tollen Artikel! Ja, es wird Zeit, dass Handys und Smartphones sinnvoll in den Unterricht eingebunden werden! Hier noch ein Hinweis auf das Buch zum Handyeinsatz im Unterricht. Wir haben es erfolgreich getestet und beschrieben:

    Katja Friedrich, Ben Bachmair, Maren Risch (Hrsg.): Mobiles Lernen mit dem Handy: Herausforderung und Chance für den Unterricht. Broschiert: 224 Seiten. Verlag: Beltz; Auflage: 1 (22. August 2011).

    Und noch ein Hinweis: die GMK (Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur: http://www.gmk-net.de/) veranstaltet ihr 30. Forum Kommunikationskultur vom 22. bis 24.11.13 in Mainz zum Thema „smart und mobil – Herausforderungen für Bildung und Pädagogik“ (http://www.gmk-net.de/fileadmin/pdf/gmk_neujahrskarte2013.pdf).

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  7. Oliver Tacke Says:

    Besser spät als nie: Danke für den schönen Beitrag! Deine vier Fragen finde ich sehr wichtig – auch an der Uni.

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