„Wer Deutsch spricht, spart mehr“ — ein Wiedergänger

6. März 2013

Sprachpunkt

 

"Wer deutsch spricht, spart mehr?"

„Wer deutsch spricht, spart mehr?“

Vor einem Jahr hätte ich nicht gedacht, dass jemand noch einmal mit der folgenden These erneut an die Öffentlichkeit tritt: „Wer Deutsch spricht, spart mehr“. Doch heute kommt die These zurück in Form eines Interviews von Julia Fiedler mit Ökonom Keith Chen für die ZEIT. Man kann sich des Eindrucks nicht erwähren, dass man da an der Yale School of Management einer ganz heißen Sache auf der Spur zu sein scheint, die ein wenig nach den 1.000 Lexemen für Schnee in den Inuitsprachen klingt.

In diesem Frühjahr bringt man zur steilen These aber auch eine Sprachtypologie mit: Chen unterscheidet im Interview „zukunftslose“ Sprachen von anderen. Allen vorsichtig von der Interviewerin vorgetragenen Einwänden zum Trotz führt Chen aus:

Nehmen Sie die deutsche Sprache. Im Deutschen können Sie sagen: „Morgen spare ich.“ Das ist die Gegenwartsform, auch wenn die Zukunft gemeint ist. Genauso gut können Sie sagen: „Morgen werde ich sparen.“ Beides geht, es macht keinen Unterschied. Im Englischen ist das anders. Grammatikalisch ist nur „Morgen werde ich sparen“ richtig. Das Deutsche ist eine „zukunftslose“ Sprache, das Englische nicht.

Statistisch könne er derzeit nachweisen, dass es eine Korrelation zwischen „zukunftlosen“ Sprachen und einer höheren Sparquote gäbe:

Grundsätzlich ist es doch so: Geld beiseite zu legen kostet Überwindung. Es verursacht heute Kosten und ich kann erst morgen einen Nutzen daraus ziehen. Wenn man wie die Deutschen in der Gegenwartsform über das Sparen sprechen kann, obwohl man die Zukunft meint, ist es einfacher zu sparen. Den Deutschen ist die Zukunft näher, die Überwindung ist nicht so groß.

Chen behauptet — das muss man positiv herausstreichen — in der verlinkten Studie zumindest keine Kausalität, noch nicht. Also: Was postuliert er in einem Vortrag, den mittlerweile über 300.000 Internetnutzer verfolgt haben, und der dem Vortrag zugrunde liegenden Untersuchung? Seine Hypothese lautet, dass es eine Korrelation zwischen dem Sparverhalten und der Art der Sprache, die die Sparer sprechen, gibt. Er ist überzeugt davon, dass sich so ein Zusammenhang herstellen lässt zwischen den (systemischen!) Merkmalen einer Sprache und den Zukunftsvorstellungen ihrer Sprecher.

Basal ist für ihn — neben Sapir und Whorf — dafür die aus der Linguistik übernommene Unterscheidung zwischen Sprachen mit starker bzw. schwacher FTR (strong and weak Future-Time-Reference [FTR] in Anlehnung u.a. an Thieroff [2000]). Dass dies allerdings ein typologisches Merkmal ist (im Sinne der Unterscheidung verschiedener grammatischen Markiertheiten), übergeht Chen. Er argumentiert auf sprachsystemischer Ebene und ignoriert pragmatische Aspekte beinahe vollständig. Daneben setzt er das sozial-kulturelle Konzept „Zukunft“ gleich mit den grammatischen Merkmalen von Tempusformen.

Auch sind die Ergebnisse, die er in der Studie selbst präsentiert, keinesweges so eindeutig, wie es im Interview den Anschein hat:

Saving Rates // Kind of Language (weak [light] and strong [dark] FRT).

The Effect of Language on Economic Behavior: Evidence from Savings Rates, Health Behaviors, and Retirement Assets by M. Keith Chen. December, 2012 // Preprint (S. 25)

Ausgerechnet die Länder mit einer sehr hohen Sparquote sind Sprachen mit starker FTR, Deutschland mit einer schwachen FTR gruppiert sich zwar vor Frankreich und den Vereinigten Staaten und dem United Kingdom ein, aber nach Südkorea, Russland, Irland, der Tschechischen Republik, Chile, Slowenien, Australien, Mexiko, Spanien, Ungarn oder Kanada ein — alles Länder, in denen die starke FTR eigentlich darauf hinweisen müsste, dass die Sparquote (und damit die Relevanz zukünftiger Ereignisse) niedriger sei. Auf den ersten Blick lassen die Daten überhaupt kaum Gruppenbildungen zu, bis auf vielleicht die, dass im skandinavischen Norden die Sparquote höher ist als im südlichen Europa und Deutschland irgendwie in der Mitte liegt, während im UK und den USA andere Regeln zu gelten scheinen usw. — ob das allerdings mit der FTR zu tun hat, darf man bezweifeln. Folgte man Chens theoretischem Ausgangspunkt, ließen die Ergebnisse vielmehr auch die Frage zu, wieso denn bitte die Deutschen trotz ihrer Sprache mit schwacher FTR so unbekümmert in die Zukunft blickten im Gegensatz zu ihren Nachbarn in Skandinavien. Was die Hypothese schließlich für Luxemburger (mehrsprachig: Luxemburgisch, Deutsch und Französisch als Amtssprache) bedeutet, mag man sich schließlich gar nicht ausmalen.

Mit anderen Worten: Julia Fiedler hat berechtigt an ihrer Skepsis festgehalten. Ihre Einwände ließen neuere diskurslinguistische Positionen durchscheinen, Foucault und den ein oder anderen soziologischen Klassiker, der ein kulturelles Phänomen wie Sprache eben nicht als singuläres, kontextfreies System betrachtet (gleiches gilt im Übrigen für die Ökonomie und Zukunftskonzepte). Die ‚Verhaltensökonomen‘ von der Yale School of Management verfolgen einen interessanten Zusammenhang, zweifellos, aber so einfach wie sie „Sprache und Denken (über Zukunft)“ mit de Saussure, Wittgenstein sowie Sapir und Whorf zusammengießen, lassen sich kulturelle Phänomene nicht erklären. Auch im zweiten Frühling der These nicht.

2 Kommentare - “„Wer Deutsch spricht, spart mehr“ — ein Wiedergänger”

  1. re2tko2vski Sagt:

    Tja, auch Optimisten müssen nun endgültig zugeben: Deutsch hat kaum eine Zukunft! 😉

    Wenn Sprachwissenschaftler die Sapir-Whorf-Hypothese ablehnen, fragt sich allerdings, warum sie die Behauptung unterstützen, das generische Maskulinum würde das Denken formen. Etwa so:

    A: Wirst du morgen kommen?
    B: Ja, ich komme.
    A: Nein, erst morgen!

    entspricht:

    Zugchef: Alle Passagiere bitte aussteigen!
    (Frauen bleiben sitzen)

    Antwort

    • Alexander Lasch Sagt:

      Die Sprachwissenschaft lehnt Sapir und Whorf nicht ab, sie hat den Ansatz in den letzten Jahrzehnten nur konsequent weiterentwickelt (Pragmatische Wende). Daher muss man sagen, dass der Zusammenhang zwischen „Sprache und Denken“ heute wesentlich differenzierter beschrieben wird.

      Was Anatol Stefanowitsch zum generischen Maskulinum sagt, ist, ohne dass es eines Attests bedürfte, auf dem aktuellen Stand. Ob man allerdings die sprachwissenschaftlich erarbeiteten Ergebnisse politisieren darf, soll oder muss, steht auf einem anderen Blatt. Aus guten Gründen kann man aber fragen: Warum nicht? Die Diskussionen zum Thema zeigen doch, dass es hier einen Bedarf gibt.

      Antwort

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