Auf einen Blick: „Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Öffentlichkeit“

10. März 2013

Sprachpunkt

Auf einen Blick: Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Öffentlichkeit

Auf einen Blick: Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Öffentlichkeit

Die „Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Gesellschaft“ ist ein gehaltvoller Text und mit etwas über 17.000 Zeichen eine Zusammenfassung wert. Der vollständige Text von Jochen A. Bär und Thomas Nier ist u.a. auf dem linguistischen Spraachenblog einzusehen, eine kurze Zusammenfassung (die gleichzeitig die ‚Infografik‘ erläutert) gebe ich hier:

(1) Die Linguistik hat eine Bringschuld und eine Verantwortung der Sprachgemeinschaft gegenüber, deren Sprache sie erforscht.

Sprachwissenschaft und Sprachkritik teilen sich denselben Gegenstand – Sprache in ihrem Gebrauch. Dieser ist von Interesse für die Sprachgemeinschaft. Deshalb sind sowohl Sprachwissenschaft wie Sprachkritik verpflichtet, ihre Ergebnisse an verschiedenen Schnittstellen zum öffentlichen Diskurs zum Gegenstand eines Dialogs über „gute und richtige Sprache“ zu machen.

(2) Die Linguistik muss neue Sprachformen vor Augen führen und erklären.

Die Sprachwissenschaft verfügt über ein differenziertes Instrumentarium, um Sprachwandel zu erklären. Wichtige Aufgabe ist dabei, alle unterschiedlichen Formen des Sprachgebrauchs (Stile und Varietäten) in Bezug zu setzen zum „Standarddeutschen“, zu vergleichen und zu bewerten.

(3) Deutsche Sprache und Identität: Das als brisant empfundene Thema wird die Linguistik weiterhin beschäftigen.

Eine Sprache zu sprechen, heißt zugleich, zu einer Gruppe zu gehören, die diese Sprache spricht. Der Sprachwissenschaft muss es gelingen, diese Gruppen (von den Sprechern des ‚Kiezdeutschen‘ oder jenen, die Deutsch als ihre Muttersprache angeben u.a.) zu beschreiben und deren Sprachgebrauch kritisch zu würdigen, ohne die Identität der Sprecher in Frage zu stellen.

(4) Von erheblicher Bedeutung für Stabilität und stabile Entwicklung einer Sprache ist die Einstellung ihrer Sprecher.

Veränderung ist nicht Verfall. Sprachwissenschaft hat zur Aufgabe, nicht haltbarer konservativer Sprachkritik wissenschaftlich fundiert entgegenzuwirken, um den Sprechern einer Sprachgemeinschaft immer wieder deutlich vor Augen zu stellen, dass ihre Sprache quicklebendig ist.

(5) Insbesondere die Sprachkritik ist eine Angelegenheit von gesellschaftlicher Relevanz und stößt auf großes öffentliches Interesse. Die Linguistik sollte dies als Chance begreifen und sich in den entsprechenden öffentlichen Diskursen mit ihrem Fachwissen vernehmlich zu Wort melden.

Da Sprachkritik ein Thema von öffentlichem Interesse ist, muss Sprachwissenschaft am sprachkritischen öffentlichen Diskurs aktiv teilnehmen: Dies soll sie nachvollziehbar, begründet und verständlich tun.

(6) Die Linguistik sollte die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber Sprachgebrauch und Normen ernstnehmen.

Dem Bedürfnis der Öffentlichkeit nach einer transparenten Normierung der Sprache kommt die Sprachwissenschaft z.B. mit dem Konzept der funktionalen Angemessenheit entgegen: Sprachwissenschaft soll und darf Sprache im Gebrauch bewerten.

(7) Die Linguistik muss ihre eigenen Vorannahmen und ihre Sprachkonzepte kritisch – und selbstkritisch – reflektieren.

Bewertet die Sprachwissenschaft, muss sie ihre Prämissen und Sprachnormkonzepte selbstkritischer Beurteilung unterziehen, ggf. revidieren und anpassen.

(8) Die Linguistik muss eine größere Rolle in den Schulen spielen.

Anliegen der Sprachwissenschaft ist es, die Verbesserung der Fähigkeit zum angemessenen Sprachgebrauch als Kernziel des Deutschunterrichts durchzusetzen.

(9) Linguistinnen und Linguisten verfügen idealerweise über vielfältige sprachliche Register und Stile, die es ihnen ermöglichen, fachliche Inhalte adressatengerecht zu kommunizieren, und sie wissen, welche Form welchem Adressatenkreis gegenüber angemessen ist.

(10) Die Sprachwissenschaft sollte neue Wege gehen, um die Öffentlichkeit zu erreichen.

Die Kommunikation in und mit der Öffentlichkeit findet zunehmend auf den Foren des Web 2.0 statt. Die Sprachwissenschaft muss dort hörbar, sichtbar und ansprechbar sein.

(11) Die Sprachwissenschaft sollte ihr Engagement bündeln.

Die Erstunterzeichner der Erklärung (Teilnehmer einer Tagung zur Sprachkritik 2012) haben einen Arbeitskreis für linguistische Sprachkritik gegründet, um die Bemühungen für den Dialog zwischen Sprachwissenschaft, Sprachkritik und Öffentlichkeit zu bündeln.

(12) Es muss weiterhin eine Linguistik jenseits des öffentlichen Interesses („im Elfenbeinturm“) geben dürfen.

Dass Sprachwissenschaft sich stärker einbringen will in öffentliche Debatten, heißt nicht zugleich, dass sie fortan nur noch an Gegenständen interessiert ist, die auf dem „Markt“ einen guten Preis versprechen – sie muss, um lebensfähig zu sein, den engeren wissenschaftlichen Diskurs pflegen und erhalten.

One Comment - “Auf einen Blick: „Aachener Erklärung zur Rolle der Sprachwissenschaft in der Öffentlichkeit“”

  1. re2tko2vski Says:

    Im Diagramm fehlt aber noch die Menge der Sprachideologie.

    Es sei denn, man geht davon aus, dass sie mit der Menge der Sprachwissenschaft deckungsgleich ist. 😦

    Antwort

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