IEE im Einführungsseminar — eine Nachbesprechung

Mehr davon? Der "Weihnachtspodcast" zur Wortbildung.

Mehr davon? Die Weihnachtsausgabe des Podcasts zum Seminar beschäftigte sich mit den Arten der Wortbildung. Als Beispiele dienten Filmtitel mehr oder weniger typischer ‚Weihnachtsfilme‘.

Dieses Semester habe ich sehnlichst auf die Evaluation des Seminars „Einführung in die deutsche Sprachwissenschaft“ gewartet, erhoffte ich mir doch wichtige (anonyme) Aussagen über den Versuch, das Inverted Classroom Model (ICM) zu einem dreistufigen Modell Introduction // Exercise // Evaluation (IEE) auszubauen und in die Lehre zu implementieren.

Ergebnisse der Lehrevaluation zum Seminar

Die Ergebnisse sind, wie Christian Spannagel bereits für eine seiner Mathematikvorlesungen festgehalten hat, auch für mein Seminar äußerst ambivalent: Trotz der Evaluationssitzungen, in denen das wissensrelevante Wissen zusammengefasst wird, fühlen sich einige Studierende wegen der Offenheit der Sitzungen, und weil ihnen im laufenden Semester eine Lernerfolgskontrolle fehlt, verunsichert.  Andere wiederum finden das Format — inklusive der thematischen Podcasts — spannend (Kommentare in Auswahl):

  • Positive Wertung: „Das Klassenmodell „Inverted Classroom Model“ regt die Teilnehmer des Seminars sehr zur aktiven Teilnahme an, die zweite thematische Stunde wird zur Klärung der Fragen genutzt und dient zudem als gute Zusammenfassung“ und „die zusammenfassenden Podcasts sind witzig/hilfreich“.
  • Negative Bewertung: „Inverted Classroom Model überarbeiten oder weglassen“ und „[m]anchmal tut es auch die stumpfe Ausarbeitung der Reader-Aufgaben“.
  • Forderung nach konsequentem Ausbau (wenn ich das recht verstanden habe): „Online-Lernplattformen, die im Vorweg eingeführt und erklärt wurden, bergen ein noch größeres Potenzial einer zweiten Lernausrichtung und werden auch von zurückhaltenderen Personen genutzt.“

Seminarinterne Evaluation

Da die Lehrevaluation zu unspezfisch auf die Wünsche und Erwartungen der Studierenden eingeht und in Bezug auf die Methode nicht präzise genug nachfragt, habe ich noch eine weitere seminarinterne und anonyme Evaluation durchgeführt, aus der ich mir einige Hinweise erhoffte (auch hier in Auswahl):

  • Als interessantestes Thema wurde die Semantik (ist immer so) genannt, gefolgt von Phonologie und Phonetik (das überrascht ein wenig). Auch die Einführung in die Syntax wurde — zumindest am Rande — erwähnt.
  • Das komplexestes Thema, welches den Studierenden die meisten Schwierigkeiten bereitete, war, mit deutlichem Vorsprung, die Einführung in die Syntax: „Ich wusste bereits vorher, dass Sprachwissenschaft nicht mein Thema ist – ich habe Deutsch gewählt, da ich sehr interessiert an Literatur bin. Entsprechend gering waren meine Erwartungen. So langweilig wie ich geglaubt habe, war der Kurs aber nicht: Insbesondere Semantik, Semiotik und Graphematik empfand ich als interessant. Lediglich bei der Syntax bleibe ich bei meinen Vorurteilen.“
  • Je komplexer/schwieriger das Thema ist, um so eher wird der Wunsch laut, für die jeweiligen Sitzungen auf klassische Lehrformate umzustellen: Gänzlich auf das Inverted Classroom Model für den Bereich der Syntax zu setzen, würde kein Studierender begrüßen: „Syntax und Morphologie nicht nur durch das ICM“.
  • Die Nutzung von Busch/Stenschke in Kombination mit dem Studienbuch Linguistik und weiterführender Grundlagenliteratur (auch wenn hier im Einzelfall vor allem in den Bereichen Morphologie und Syntax Änderungen gewünscht werden) wird als gelungen bewertet: „Ich habe sehr gern das Buch „Germanistische Linguistik“ gelesen, da es sehr charmant geschrieben und die Thematiken leicht verständlich dargestellt wurden. Zur Vertiefung ist allerdings das „Studienbuch Linguistik“ meiner Meinung nach unerlässlich. Dieses ist jedoch nicht besonders ansprechend geschrieben (auch das Aussehen des Buches ist nicht sehr ansprechend) und zum Teil zu komplex geschrieben, so dass ein mehrfaches Lesen einer Passage zum gänzlichen Verständnis nötig ist.“
  • Die meisten Studierenden wünschen sich Musterlösungen für die Aufgaben im Reader. Auch eine Kontrolle von Hausaufgaben wurde ins Spiel gebracht.

Folgende Schlüsse möchte ich — noch bevor ich die Ergebnisse der Klausuren vorstelle — daraus ziehen:

  • Der Übergang zu freieren Lehrformaten wie dem Inverted Classroom Model polarisiert trotz einer Integration in ein mehrstufiges Modell (Introduction // Exercise // Evaluation) und damit der Sicherung des relevanten Wissens. 
  • Der Wunsch nach traditionellen Lehrformaten (um zu übertreiben: Frontalunterricht, „stumpfe Ausarbeitung der Reader-Aufgaben“, Kontrolle) wird lauter, je schwieriger das jeweilige zu bearbeitende Thema eingeschätzt wird. Daraus folgt, dass vor allem die Bereiche Phonetik und Phonologie, Semiotik, Semantik und vllt. auch noch die Morphologie im Modell IEE bedenkenlos vermittelt werden können — einzig im Bereich der Einführung in die Syntax ist davon (noch) Abstand zu nehmen.
  • Interessante, anwendungsbezogene und auf aktuelle Themen bezogene unterstützende Podcasts in der Phase der Introduction könnten der Schlüssel sein, um auch die Erarbeitung komplexerer Themen abwechslungsreicher zu gestalten — der Podcast in die Morphologie sei hier als Beispiel genannt: „Die Podcasts als Unterstützung fand ich hilfreich. Der Podcast mit den Filmtiteln hat mir besonders gut gefallen, da er sehr anschaulich war. Am Besten würde mir persönlich eine Kombination aus Podcast, Frontalunterricht in der ersten Hälfte der Sitzung und Übungen in der zweiten Hälfte gefallen.“

Klausurergebnisse

Die Klausurergebnisse (erreichte Punktzahlen je Aufgabe, Gesamtpunktzahl, Note und Durchschnitt der erreichten Punkte je Aufgabe).

Die Klausurergebnisse: Erreichte Punktzahlen je Aufgabe (und Durchschnittsangabe), Gesamtpunktzahl sowie Gesamtnote.

Die Studierenden haben den Kurs mit sehr guten Ergebnissen absolviert. Die Durchschnittsnote liegt für die, die das grammatische Propädeutikum besuchten, bei 1,7. Für diejenigen, die das Propädeutikum nicht belegten, wird eine Durchschnittsnote von 2,3 ausgewiesen. Insgesamt liegt der Durchschnitt bei 2,0. Zu den guten bis sehr guten Ergebnissen dürften auch die semesterbegleitenden Tutorien beigetragen haben, deren Besuch für das Wintersemester allerdings noch nicht erfasst wurde. Die Sorgen, möglicherweise auch wegen der offeneren Lernform auf die Klausur nicht ausreichend vorbereitet zu sein, erweisen sich letztlich angesichts der Ergebnisse als vollkommen unbegründet — allerdings ist man hinterher auch immer schlauer. Dass die Ergebnisse so gut ausgefallen sind, hat ganz verschiedene Gründe. Ob eine offenere Lernumgebung zur aktiveren Auseinandersetzung mit dem Stoff zwingt und deshalb z.B. auch andere Ergebnisse in Klausuren erreicht werden, kann und soll aus den Ergebnissen eines Semesters keinesfalls geschlussfolgert werden.

Fazit

Daraus und aus den Ergebnissen der Evaluationen ziehe ich für die weitere Umsetzung des Modells ein kurzes Fazit: Während des Semesters müssen Unsicherheiten der Studierenden in Bezug auf ihren Leistungsstand durch ein breiteres Angebot an Übungsaufgaben und verschiedene Möglichkeiten der (eigenständigen) Lernerfolgskontrolle abgebaut werden — gemeinsames Bewältigen und Lösen von Aufgaben unter Hilfestellung reicht dafür (je nach Thema) nicht aus. Beherzigt man dies, dann ist auch wahrscheinlicher, dass offene Lernumgebungen auch für als schwierig eingestufte Themenkomplexe eher akzeptiert werden. Offene und digital gestützte Lernumgebungen müssen vor allem neue und schnelle Formen des Feedbacks integrieren, da sich nur so Unsicherheiten abbauen lassen. Nicht die öffentliche und zugängliche Präsentation von Inhalten und damit die Öffnung von Lernumgebungen sind die entscheidenden Elemente im E-Learning, sondern die kleinschrittige, digital gestützte Lernerfolgskontrolle.

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Die Grafik des Artikelbildes auf der Startseite des Blogs stammt von Oliver Tacke.

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