Von “behinderten Menschen” zu “Menschen mit Behinderung” — das Wahlprogramm der SPD in ‘leichter Sprache’*

Die Wahlprogramme der SPD in 'leichter Sprache' 2009 und 2013 im Vergleich -- anders als 2009 wird der Spitzenkandidat, Peer Steinbrück, ausführlich im Programm vorgestellt.

Die Wahlprogramme der SPD in ‚leichter Sprache‘ 2009 und 2013 im Vergleich — anders als 2009 wird der Spitzenkandidat, Peer Steinbrück, ausführlich im Programm vorgestellt.



Auf den ersten Blick hat sich nicht viel getan bei der SPD, wenn man sich die Wahlprogramme in ‚leichter Sprache‘ von 2009 (*.pdf) und 2013 (*.pdf) im direkten Vergleich in einer Wordcloud ansieht. Auf den zweiten Blick jedoch fallen einige signifikante Änderungen auf, die u.a. auf eine höhere Sensibilität gegenüber den Adressierten des Programms schließen lassen. An anderer Stelle hatte ich in Bezug auf das Programm von 2009 u.a. angemerkt, dass es äußerst unpassend ist, Menschen mit Behinderungen unnachgiebig als „behinderte Menschen“ anzusprechen — in der oberen Wordcloud tritt das Attribut „behindert“ deutlich in den Vordergrund. 2013, traut man diesem ersten Zugriff, wird statt dessen konsequent von „Menschen mit Behinderungen“ gesprochen. Gehen wir dieser Beobachtung in einer einfachen Cluster-Analyse nach für den Begriff „Menschen“ (mittels AntConc).

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Die ersten 30 Cluster, in denen der Begriff „Menschen“ erscheint, zeigen eine deutliche Neuorientierung des Programms für die Bundestagswahl 2013 für dieses Detail. Statt unterschiedliche Formen der Adressierung zu verwenden (vorgestelltes adjektivisches Attribut und nachgestelltes präpositionales Attribut) setzt man auf eine Variante, die nun durchgehend, ohne Abweichung und relativ zum Umfang der Programme (2009: 503 Types, 2666 Tokens; 2013: 581 Types, 3052 Tokens) deutlich weniger gebraucht wird, wenn man alle Attribuierungen zusammennimmt. Auch qualitativ wird damit ein Wandel vollzogen: Das präpositionale Attribut („mit Behinderungen“) spezifiziert zwar ähnlich wie das adjektivische Attribut („behinderte“) eine Nominalphrase („Menschen“) hinsichtlich einer semantischen Eigenschaft, steht aber zugleich dem partitiven Attribut nahe, das eine Teilmenge von etwas – hier: „Menschen“ – genauer bestimmt, ohne aber eine zu starke Abgrenzung vorzunehmen: „Menschen mit Behinderung(en)“ sind zuerst (1) „Menschen“, die (2) eine „Behinderung“ haben. Anders das  adjektivische Attribut: Es bestimmt begünstigt durch seine Voranstellung bereits näher („behinderte“),  noch bevor das Bestimmte („Menschen“) überhaupt genannt ist.

Wie das Attribut „behindert“ kam für das Programm von 2009 das Attribut „ausländisch“ in die Kritik, welches durch eine Cluster-Analyse und anschließenden Vergleich mit anderen Parteiprogrammen als typisch für das Programm der SPD herausgearbeitet werden konnte. Gänzlich darauf verzichtet hat man auch 2013 nicht, allerdings wird erst ein weiterführender Vergleich mit anderen Parteiprogrammen – in der Hoffnung, dass diese bald vorliegen (das ‘Leichte-Sprache’-Blog Hurraki informiert) – zeigen, wie das Programm der SPD in dieser und anderer Hinsicht zu bewerten ist.

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* Erneut veröffentlichter Beitrag für polittrend.de (08.07.2013).

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7 Kommentare - “Von “behinderten Menschen” zu “Menschen mit Behinderung” — das Wahlprogramm der SPD in ‘leichter Sprache’*”

  1. spreewaldperle Says:

    Super Idee, das mit der Wordcloud. Spontan fällt mir für den Geschichtsunterricht ein, so einmal Reden nach Schlagwörtern zu filtern.

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Dafür ist das Tool wirklich gut geeignet – zumindest, was eine erste Sichtung betrifft! Für eine genauere Analyse würde ich Antconc empfehlen, bei Gelegenheit bereite ich dazu mal einen kurzen Howcast vor.

      Antwort

  2. Selfpedia Says:

    Die Cloud gibt wirklich einen guten Überblick und sieht – ganz nebenbei – auch noch schick aus.
    Wie mein Vorredner schon sagte, ist es bestimmt unglaublich interessant ähnliches mit anderen Reden zu machen…

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  3. re2tko2vski Says:

    ” “Menschen mit Behinderung(en)” sind zuerst (1) “Menschen”, die (2) eine “Behinderung” haben. Anders das adjektivische Attribut: Es bestimmt begünstigt durch seine Voranstellung bereits näher (“behinderte”), noch bevor das Bestimmte (“Menschen”) überhaupt genannt ist.”
    Sie wollen doch nicht ernsthaft behaupten, dass es semantisch einen Unterschied ausmacht, ob das Attribut *vor* oder *hinter* dem Bezugswort steht?
    Vergleichen Sie mal:
    “grünes Auto” “voiture verte”
    Soll es da etwa einen semantischen Unterschied geben?

    Antwort

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