Von der Unverständlichkeit von Verträgen

30. November 2013

Sprachpunkt

„Ein Schelm, wer da auf die Idee kommt, das Ganze könnte Absicht sein, gerade damit weder SPD-Mitglieder noch die gesamte Bevölkerung nicht verstehen, was die drei Parteien im Bündnis für die nächsten vier Jahre alles planen.“ Das ist der Schluss, den die WELT heute aus einer einer Sprachanalyse zieht. Die Analyse wurde von der Universität Hohenheim in Kooperation mit dem Institut CommunicationLab vorgelegt und darin wird bescheinigt, dass

„der Koalitionsvertrag […] in weiten Teilen schwer oder sogar kaum verständlich [ist]. Er sei „formal sogar unverständlicher als politikwissenschaftliche Doktorarbeiten“, sagt Frank Brettschneider, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft der Uni Hohenheim. Das will bei dem Sprachgeschwurbel vieler wissenschaftlicher Arbeiten etwas heißen.“

Verträge bestätigen abgeschlossene Rechtsgeschäfte. Urkunde des Gotland-Vertrags von 1399.

Nun kann man sich fragen, an wen ein Koalitionsvertrag adressiert ist und unter welchen Bedingungen er zu Stande kommt. Meines Wissens interessieren sich jetzt auf einmal angeblich Leser_innen dafür, mit denen niemand rechnete — scheinbar die ganze Republik ist auf den Beinen, um beim ersten Glühwein des Jahres in dem 177 Seiten starken Vertrag zu blättern, glaubt man den massenmedialen Darstellungen. In wenigen Tagen (!) wurde er verfasst auf 177 Seiten (!) und zwar so, dass alle, die ihn unterschreiben (!) sollen, auch unterschreiben werden. Es ist ein Vertrag, oder besser: eine Vereinbarung, und kein Programm, das interessanterweise in der Analyse auch zum Vergleich herangezogen wird:

„Denn als es darum ging, die Wähler für sich zu gewinnen, haben sich Union und SPD sehr wohl darum bemüht, ihre Ziele einigermaßen klar zu machen. Formal sei die Koalitionsvereinbarung auch unverständlicher als die Wahlprogramme, analysiert Brettschneider.“

Mir leuchtet das unmittelbar ein: Ein Vertrag hat einen anderen Adressatenkreis als ein Programm, das u.a. drücken bereits die Bezeichnungen der Textsorten „Vertrag“ bzw. „Vereinbarung“ und „Programm“ aus. Dass die SPD den Adressatenkreis eines „Vertrags“ nun erweitert, ist ihr gutes Recht — das heißt aber wiederum nicht zugleich, dass alle, die den „Vertrag“ verfassen, ihn sprachlich nun an diese spezielle Kommunikationssituation anpassen müssen, das ist auch juristisch überhaupt nicht möglich.* Es ist Aufgabe der SPD, die Inhalte des „Vertrags“ zu kommunizieren — und das gelingt ihr mal besser und mal schlechter.

Dass es auf jeden Fall eines behutsamen Wissenstransfers bedarf (darum ist man im Bereich der Linguistik in den so genannten Transferwissenschaften bemüht),** zeigt die FAZ derweil unaufgeregt — sie kommentiert den Vertrag einfach für ihre Leser_innen.***

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* Die Initiativen zur Vereinfachung juristischer Fachsprache stoßen immer wieder und in regelmäßigen Abständen an die Grenzen des Sag- und Machbaren. Vgl. dazu exemplarisch Die Sprache des Rechts. Recht verstehen. Verständlichkeit, Missverständlichkeit und Unverständlichkeit von Recht von Kent D. Lerch. Erschienen 2004 bei de Gruyter.

** Vgl. etwa Gerd Antos & Sigurd Wichter (Hgg.). 2005. Wissenstransfer durch Sprache als gesellschaftliches Problem. Frankfurt am Main: Peter Lang.

*** Für die Ergänzung ein Dank an ‚Larz Hansen‘ via Facebook.

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2 Kommentare - “Von der Unverständlichkeit von Verträgen”

  1. re2tko2vski Says:

    Hallo Herr Lasch,

    Vor ein paar Wochen haben Sie sich noch engagiert für leichte Sprache eingesetzt, und jetzt rechtfertigen Sie nicht nur schwere, sondern sogar überschwere Sprache. Bei soviel Wandlungsfähigkeit kann ich nur staunen!

    Aber warum verteidigen Sie ÜBERschwere Sprache? Hätte schwere denn nicht gereicht?

    Obwohl ich selber den „Koalitionsvertrag“ sprachlich (nicht inhaltlich) nicht auffällig schwer finde. Da frage ich mich, welche Kriterien bei der Analyse angelegt wurden.

    Bei meiner Analyse ihres obigen Textes fällt indes vor allem folgender Satz durch:

    „Ein Vertrag hat einen anderen Adressatenkreis als ein Programm, das u.a. drücken bereits die Bezeichnungen der Textsorten “Vertrag” bzw. “Vereinbarung” und “Programm” aus.“

    Erstens setzen Sie hier Programm einfach mit „Wahlprogramm“ gleich. Es gibt jedoch auch noch Parteiprogramme und Regierungsprogramme. Beim sogenannten Koalitionsvertrag handelt es sich um das gemeinsame Regierungsprogramm der großen Koalition. Jawohl, es ist ein Programm. Da sich zwei Parteien darauf geeinigt haben, ist es ZUSÄTZLICH auch noch ein Vertrag. Genaugenommen ist der Text nicht einmal der Vertrag, sondern der VertragsGEGENSTAND. Aber was kümmert das schon unsere Politiker und unsere Sprachwissenschaftler? (Ein Vertrag ist eine Einigung. Ein Vertragsgegenstand ist das, worauf man sich geeinigt hat.)

    Zweitens lässt sich von einer „Textsorte“ Vertrag im Koalitionstext nichts finden. Textsorten werden durch die sprachliche FORM bestimmt. Was sich inhaltlich zwingend ganz von selbst ergibt, ist keine Frage der Textsorte. Verträge haben in D grundsätzlich erstmal Formfreiheit. Eine allgemeine Textsorte „Vertrag“ kann es deshalb gar nicht geben (genauso bei „Vereinbarung“ und „Programm“). Ausnahmen bestimmt das Gesetz. Ein Koalitionsvertrag gehört, soweit ich weiß, nicht zu den Ausnahmen.

    Der Koalitionsvertrag enthält auch keine der für juristisch wasserdichte Verträge typischen Elemente wie z.B. Paragraphen, Formulierungen wie „Die Vertragsparteien vereinbaren / verpflichten sich“ usw. Stattdessen liest man dutzende Male „wir wollen“. Dazu wird ihnen jeder Jurist sagen, dass wer so eine Formulierung benutzt, sich nur um eine vertragliche Verpflichtung herumdrücken will. Der Wortstamm „pflicht“ kommt übrigens im Koalitionsvertrag nur wenige Male vor und bezieht sich immer auf Dritte.

    Zu allem Überfluss stellen Sie die Sprache des Koaltionsvertrags auch noch auf èine Stufe mit juristischer Fachsprache, die naturgemäß kompliziert sein müsse. Über diesen Vergleich kann eigentlich jeder Jurist nur schallend lachen. Ein SPON-Autor hat sich mal den Spaß gemacht und den Koalitionsvertrag so umgeschrieben, dass er aussieht wie ein juristisch wasserdichter Text:

    http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/satire-ueber-nebenabreden-der-grossen-koalition-a-937009.html

    Sehen Sie den Unterschied?

    Ich selber bin übrigens im Studium in der Klausur zum Textsorten-Seminar durchgefallen. Die Dozentin konnte angeblich meine Schrift nicht lesen.

    Nun wünsche ich Ihnen noch eine erfolgreiche Woche.

    PS: Ich sehe gerade, Wikipedia ist auch meiner Meinung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Koalitionsvertrag#Kritik_an_Koalitionsvertr.C3.A4gen

    Antwort

    • Alexander Lasch Says:

      Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun (Leichte Sprache vs. Fachsprache) — hier sind zwei Varitäten angesprochen für unterschiedliche Kommunikationsbereiche. Zum zweiten Punkt: Ich werde nicht jede sprachliche Abkürzung in einem Artikel für ein Blog, die aus dem Kontext erschließbar ist, auflösen. Es gibt auch Waschprogramme. Zum dritten Punkt: Ob die Textsortenbezeichnung in einem Text selbst ‚vorkommt‘ oder nicht ist kein hinreichendes Indiz für eine Textsorte, im Übrigen zählt dazu auch die Überschrift. Ich ergänze auch: „oder besser: Vereinbarung“. Zum vierten Punkt: Ich sagte, dass die sprachliche Gestaltung adressatenorientiert sein müsse. Und das heißt, dass sie an all jene gerichtet ist, die sich darauf einlassen, der Vereinbarung zu folgen und diese zu unterschreiben. Auch erwähnte ich, dass der Text in großer Eile von vielen Händen verfasst wurde, auch das dürfte nicht zu seiner Lesbarkeit und Konsistenz beigetragen haben. Ist das in dem Falle aber wichtig? Nein. Zum fünften Punkt: Fachsprache von Justiz und Verwaltung teilen gemeinsame Merkmale, gleichwohl sie nicht identisch sind. Beide Fachsprachen dürfte man als Quellen des Textes ausmachen können, möglicherweise kommen noch ein paar mehr dazu. Dass ein Text Elemente juristsicher Fachsprache oder der Verwaltung enthält (weil darin viele Koautor_innen des Textes geschult sein dürften), heißt nicht, dass dieser ‚juristisch wasserdicht‘ sein muss.

      Antwort

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