Kein Reicher war nicht dabei

24. Dezember 2013

Sprachpunkt

Die Hirten, die will es erbarmen,
wie elend das Kindlein sei.
Es ist eine G’schicht’ für die Armen,
kein Reicher war nicht dabei.

Kein Reicher war nicht dabei.

Die letzte Strophe der Heiligen Nacht (1917) von Ludwig Thoma (1867-1921) dürfte die meisten, die sprachlich nördlich des Mains sozialisiert wurden und keine Einführung in die Sprachgeschichte oder Dialektologie besucht haben, vermutlich verwirren – und genau das macht die Heilige Nacht zu einem großartigen Text.

Die doppelte Verneinung „kein Reicher war nicht dabei“ gilt noch in oberdeutschen Dialekten und Regiolekten als üblich für die Verstärkung der Verneinung, die dann – wie in diesem Fall – ‚markiert‘, d.h. auffällig, ist. Thoma setzt so einen Schwerpunkt und unterstreicht seine Aussage „Gerade die Weihnacht ist eine Nacht der Armen und derer, die am Rand der Gesellschaft stehen“.

In anderen Dia- und Regiolekten des Deutschen in Mittel- und Norddeutschland sowie im so genannten Standarddeutschen hebt die doppelte Verneinung diese auf – das verkehrt die Aussage vollkommen und führt sie ins Absurde: ‚Es gibt keinen Reichen, der nicht dagewesen wäre – alle Reichen dieser Welt waren an der Grippe versammelt‘.

So schön wie das auch wäre, so unwahrscheinlich ist es auch. So kann die Heilige Nacht von Thoma – egal wo sie gelesen oder gehört wird – zum Nachdenken anregen mittels einer regionalsprachlichen Besonderheit, die bissig den Fokus auf ein immer wieder aktuelles Thema lenkt.

Es gibt noch keine Kommentare.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: