„Sesam, öffne Dich!“ Das kognitionslinguistische Problem des „Passworts“

22. Januar 2014

Sprachpunkt

Der stattlichste der Räuber, den Ali Baba für ihren Hauptmann hielt, näherte sich ebenfalls mit seiner Reisetasche auf der Schulter dem Felsen, der dicht an dem großen Baume war, wohin Ali Baba sich geflüchtet hatte, und nachdem er sich durch einige Sträucher den Weg gebahnt hatte, sprach er die Worte: „Sesam, öffne dich!“ so laut und deutlich, dass Ali Baba sie hörte. (270. Geschichte der Märchen aus 1001 Nacht // http://goo.gl/rInp3u)

Den Rest der Geschichte kennt man, Ali Baba verschafft sich mit dem Passwort „Sesam, öffne Dich“ Zugang zur Höhle der Räuber – dies ist eine Realisierung eines Musters, das in unserem kulturellen Wissen tief verankert ist und immer wieder aktualisiert wird. Das kann man sich vergegenwärtigen, wenn man sich vor Augen hält, wie oft der Zugang zu einem Verschlossenen etwa in Agentenfilmen oder Krimis genau auf diese Weise gesichert wird. Kurz: Wir haben ein Bild davon, was ein Passwort, eine Parole oder ein Kennwort ist.

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Im Moment sind 16 Millionen solcher Passwörter nicht mehr das, was sie sein sollten: exklusiv. Sie wurden „abgefischt“. Neben den Passwörtern gehören u.a. auch E-Mail-Adressen zu den „ausgespähten“ Datensätzen, die Zugriff auf verschiedene Dienste erlauben, die im Internet genutzt werden können.

Was aber ist an dem Passwort ein kognitionslinguistisches Problem? Bevor wir auf die Antwort zu dieser Frage kommen, stellen wir einen einfachen Vergleich an. Ihre Wohnungs- oder Haustür ist wenigstens durch ein SCHLOSS gesichert, möglicherweise verwenden Sie auch mehrere SCHLÖSSER und andere technische Mittel, um zu verhindern, dass jemand anderes als Sie die Wohnung oder das Haus betritt (Lichtschaltanlagen, Spione, Kameras usw. usf.). Ein Passwort zu einem E-Mail-Account erfüllt praktisch genau diese Funktion; ein „Sesam, öffne Dich“ hat dieselbe Funktion wie ein SCHLÜSSEL zu einer Tür (wir verkürzen das hier, denn der SCHLÜSSEL und das SCHLOSS bilden eine Einheit). Allerdings hat dieser noch andere Merkmale: Wissen Sie, dass der Griff des Schlüssels auch Räute heißt? Wissen Sie ganz genau, wie der SCHLÜSSEL zu Ihrer Wohnung oder Ihrem Haus aussieht? Wie viele Zähne der Bart hat? Welche Form die Zähne haben? Ob der SCHLÜSSEL aus einer Legierung besteht? Welche Gravur oder sonstigen Verzierungen der SCHLÜSSEL hat? Nein? Das unterscheidet ihn strukturell von einem Passwort und erlaubt Ihnen trotzdem den Zugang zu einem verschlossenen Raum und versperrt ihn vor anderen, es sei denn, sie haben einen baugleichen SCHLÜSSEL.

Wir können den Metaphern, die wir gebrauchen, nicht entfliehen – George Lakoff publizierte u. a. das sehr erfolgreiche Metaphors we live by (deutsche Übersetzung) zusammen mit Mark Johnson, in dem er genau die kognitiven Phänomene beschreibt, die auch bei der Verwendung eines Begriffs wie Passwort oder SCHLÜSSEL und seiner Formbeschreibung (ZAHN, BART!) eine Rolle spielen. Unsere Denkprozesse sind uns zu 80% nicht bewusst und werden ganz wesentlich dadurch gesteuert, welche Konzepte uns besonders eindrücklich (im Wortsinne) sind. Und so lenken auch Metaphern wie Passwort oder SCHLÜSSEL unser Denken (unbewusst) und damit auch unseren Sprachgebrauch. Man könnte angesichts des Sprachgebrauchs wohl mit einiger Wahrscheinlichkeit die Hypothese bestätigen, dass die hohe Frequenz des Begriffs Passwort darauf zurückzuführen ist, dass für viele Sprachbenutzer mglw. das dahinter liegende Konzept der mündlichen Weitergabe eines vereinbarten Lexems, dass man sich „merken“ muss, prägend ist. Unterstützt wird dieses Muster zusätzlich durch „Sicherheitsfragen“, die den „Namen von Mutter“ oder „Haustier“, der „Schule“ oder ähnlichen Dingen abfragen.

Das ist die Krux: Ein Passwort muss auf der einen Seite „sicher“ und damit „komplex“ sein, andererseits müssen Sie sich daran „erinnern“, es „aufschreiben“ oder „notieren“, für den Fall, dass Sie es „vergessen“. Keiner wünscht sich, dass es ihm so ergehe wie dem Kalifen, der lacht und das Wort mutabor vergisst.

Die wichtigste Funktion, die das Passwort erfüllen muss, ist, dass es Zugänge sichert und ‚abschließt‘. Doch dafür ist das Konzept oder die Metapher Passwort denkbar schlecht geeignet, denn es verschleiert, dass die Benutzer es ebenso wenig kennen sollten wie den SCHLÜSSEL, der den Zugang zu Ihrem Haus, ihrer Wohnung, Ihrem E-Mail-Konto sichert. Denn genau das ist Funktion des SCHLÜSSELS: Er sichert unabhängig von der mündlichen Weitergabe und der Unzuverlässigkeit der Sprachbenutzer_innen den exklusiven Zugang zu verschlossenen Räumen.

Aus diesen Gründen und auf der Basis der kognitionslinguistischen Erkenntnisse zur Bindung unseres (unbewussten) Denkens an Metaphern wäre es überlegenswert, immer (und nicht nur gelegentlich) von SCHLÜSSELN zu sprechen, wenn man Mechanismen meint, mit denen E-Mail-, Facebook- und Twitter-Konten gesichert werden sollen. Denn SCHLÜSSEL kann man „verlegen“, „dabei haben“, „nachmachen“ oder zusammen mit dem SCHLOSS „austauschen“. Aber man kann sie nicht „vergessen“ (im Sinne, dass man sich ihrer nicht erinnerte) oder „notieren“ oder wie Ali Baba „hören“ und vor der Höhle der vielen Räuber „sagen“.

Wie kann man aber nun einen sicheren SCHLÜSSEL für ein E-Mail-Konto erzeugen, dessen Form man selbst nicht kennt? Einen SCHLÜSSEL, den man „mit sich führen“ kann? Einen SCHLÜSSEL, von dem kein anderer weiß, dass es ein SCHLÜSSEL ist oder welche „Tür“ oder „Truhe“ er „verschließt“ und „öffnet“? Es gibt für alles technische Möglichkeiten, aber wir wählen den einfachen Weg. Sie nehmen sich eine beliebige Kleinanzeige für ein technisches Produkt (damit auch Ziffern Verwendung finden) aus einer Tageszeitung bzw. von einem beliebigen Online-Portal. Suchen Sie sich in Ruhe eine passende Anzeige aus, für Ihre Tür nehmen Sie ja auch nicht jedes beliebige SCHLOSS.

FERRARI Monza. Höchstgeschwindigkeit 272km/h, 5-Gang-Getriebe,
ca. 8000km gefahren, interessanter Preis. Es sollten sich nur ernsthafte
Interessenten melden. Auskunft unter Telefon (030) 57396546

Fotographieren Sie die Anzeige mit Ihrem Telefon (oder einer digitalen Kamera), sichern Sie das Bild  drucken Sie es so oft aus, wie und wenn Sie möchten. Nur Sie wissen, dass es sich bei der Anzeige um eine Reihe von SCHLÜSSELN handelt, deshalb können Sie diese überall „dabei haben“, „verlieren“, „verlegen“. Wichtig ist nur, dass sie irgendwo einen zweiten baugleichen SCHLÜSSEL haben, d.h. eine Kopie des Bildes. Sie müssen, nein, sie sollen sich die SCHLÜSSEL nicht „merken“. Denn dann sind sie prinzipiell, wie oben illustriert, nicht sicher genug.

Die erste Zeile der Anzeige ohne Satzzeichen und mit Umschrift der Umlaute und Ersetzung des „ß“ durch „ss“ in umgedrehter Reihenfolge ist der SCHLÜSSEL zu ihrem E-Mail-Konto, die zweite Zeile nutzen Sie für Facebook, die dritte Zeile für Twitter. Der SCHLÜSSEL für Ihr E-Mail-Konto ist dann:

ebeirteggnag5hmk272tiekgidniwhcstshceohaznomirarref

Wenn ein Dienst Ihnen nicht erlauben sollte, einen solchen SCHLÜSSEL zu verwenden, wechseln Sie den Dienst.

SCHLÜSSEL wie diese machen Ihre Konten nicht sicher vor Schadsoftware, die zum Zweck hat, die exakte Bauart des SCHLÜSSELS zu erspähen und offenzulegen. Aber SCHLÜSSEL wie diese schützen sie vor den einfachsten Einbrüchen und damit häufigsten aller Angriffe. Dabei werden öffentlich sichtbare (E-Mail-)Adressen gegengeprüft mit Listen, in denen sehr einfache SCHLÜSSEL wie „Sesam, öffne Dich“ gelistet sind, die man sich „merken“ kann. Dementsprechend sind sie besonders häufig und damit vorhersagbar, bestenfalls Rohlinge eines SCHLÜSSELS mit einfachem Bart ohne weitere Zähne. Ihre Daten und Ihre Privatsphäre sind Ihnen mit einem solchen SCHLÜSSEL dann so wichtig wie die ausrangierten Werkzeuge im Gartenschuppen.

Wenn Ihnen einer der 16 Millionen ausgespähten Datensätze gehört, ist es ein guter Moment, von einem Passwort auf einen SCHLÜSSEL umzusteigen, indem Sie Ihr Passwort ab sofort SCHLÜSSEL nennen (wohl wissend, dass der Begriff Schlüssel in der IT-Sicherheit für komplexere Verschlüsselung verwendet wird). Dazu gehört auch, dass Sie das SCHLOSS von Zeit zu Zeit mitsamt dem SCHLÜSSEL austauschen. Da sie mehrere SCHLÜSSEL haben, müssen Sie sich keine Sorgen machen, wenn Sie einen verlieren – denn nur Sie wissen, dass es sich um einen SCHLÜSSEL handelt. Und sprechen Sie, das würde der kognitive Linguist sagen, in Zukunft immer von einem SCHLÜSSEL.

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