Die laute Stimme der stummen Heterotopie

8. Februar 2017

Sprachpunkt

#dd0702 #dd1302

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In zwei Radiovorträgen wendete sich Michel Foucault, einer der für die Geisteswissenschaften einflussreichsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts, den Heterotopien zu.* Heterotopien sind mit Foucault ‚Anderorte‘, Gegenräume, die zwar lokalisierbar sind, aber „reale Orte jenseits aller Orte“ bleiben. Denn „an ein und demselben Ort [bringen sie] mehrere Räume zusammen, die eigentlich unvereinbar sind“ (Foucault 2005:14). Sie besitzen „stets ein System der Öffnung und Abschließung […], welches sie von der Umgebung isoliert“ (Foucault 2005:18) und stellen „alle anderen Räume in Frage“ (ebd.:19). Räume dieser Art gehen oft mit Heterochronien zusammen, sie sind Orte einer anderen Zeit und vereinen Ewigkeit, Moment und Übergang zugleich (Foucault 2005:16).

In Dresden ist der Neumarkt zu einer dieser Heterotopien geworden, einem ‚Anderort‘, der sich der Funktionalität anderer Räume entzieht und seine Eigengesetzlichkeit und Eigenzeitlichkeit ausweist. In aller Hässlichkeit ragen drei Busse gen Himmel und erinnern vor dem Postkartenidyll der wiederaufgebauten Frauenkirche an Krieg und Zerstörung, indem sie ein Fotomotiv nachahmen, das (aufgrund der unsicheren Quellenlage) in den nächsten Tagen sicher noch für Diskussionen sorgen wird. Aber sieht man einmal davon ab und unterstellt, dass Zivilisten sich vor Beschuss in Aleppo schützten, dann zeigt das ‚Monument‘, wie es allerorten heißt, schon jetzt, wie man der Stadt wenigstens eines ihrer (verlorenen) Gesichter wiedergeben kann.

Bringt man Krieg, Zerstörung, Tod auf der einen und Versöhnung, Hoffnung, Leben auf der anderen Seite an einem Ort zusammen, dann hat man ein Bild vor sich, welche Heterotopie sich am Neumarkt konstituiert. Es ist ein stummer Ort, der eine Haltung abverlangt.  Das ‚Monument‘ bringt Zeiten der Verzweiflung, der Angst, Versöhnung und Hoffnung auf bessere Tage zusammen — das Ensemble am Dresdner Neumarkt mit wiederaufgebauter Frauenkirche könnte kein drastischerer Bruch sein zur Funktionalität des Alltags am Dresdner Altmarkt und zur Barockfassade des Neumarkts, die beide Siglen ihrer Zeit sind wie das verhängte Motiv am Kulturpalast, das den Werktätigen des Arbeiter- und Bauernstaates ein Denkmal setzte. Am Neumarkt wird im Moment der Übergang zu einer friedlichen Gesellschaft greifbar, die vermutlich ewig nur Hoffnung bleiben wird.

Historisch eindimensionale Vereinnahmungsversuche werden dieser komplexen Eigenzeitlichkeit nicht gerecht werden, sie werden aus dem Rahmen fallen. Der Stadt Dresden ist gelungen, was man seit Jahren im Dialog vergeblich versucht: Den Empörten einen Raum entgegenzustellen, der für sich selbst spricht. Das ist eine Leistung der Heterotopie. Sie etabliert ein System von Öffnung und Abschließung. Bei der Einweihung sorgten sich einige wegen dieser obrigkeitsstaatlichen Machtdemonstration lautstark. Die Obrigkeit (präsent in Stadtoberen und Landesvertretern) blieb geduldig und sie überließ es den anwesenden Besorgten, sich an der nun (temporär) geltenden neuen Eigengesetzlichkeit des Anderortes abzuarbeiten und dabei, medienwirksam, nicht das beste Gesicht zu machen. Wann immer diese Gruppe „Volksverräter“ skandiert, wird sie es, bis in den April hinein, an einem Ort tun, der an Zerstörung und Leid mahnen und Hoffnung machen will. Sie schließt sich, je öfter und lauter sie ruft, umso deutlicher aus.

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* Foucault, Michel. 2005. Die Heterotopien – Der utopische Körper. Zwei Radiovorträge. Frankfurt/Main.

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