Die letzte Schlacht gegen die „totale Zwangsdigitalisierung“ hat offenbar begonnen

26. Februar 2015

Sprachpunkt

Wenn Schüler viel mit dem Computer arbeiten, leide das Durchhaltevermögen und die Konzentrationsfähigkeit, glaubt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus. Eine „totale Digitalisierung“ des Unterrichts bringe „eine Reihe an möglichen Kollateralschäden“. (http://goo.gl/L8Xog8)

Was noch größere Probleme mit sich bringt, ist, wenn der Präsident des Lehrerverbandes ungezwungen Kriegs-Metaphern (Kollateralschaden, aus engl. collateral damage und vor allem militärisch, erst sekundär auf andere „Begleitschäden“ angewendet) und Konstruktionen ([[total]+[NP]]) gebraucht, die richtig populär in der NS-Progandasprache waren. Kraus nutzt entsprechende Begriffsbildungen zur Stigmatisierung bemerkenswert gern und häufig; man könnte sagen, er hat sich darauf eingeschossen:

totale Zwangsdigitalisierung

Totaldigitalisierung des Unterrichts

wenn wir Unterricht total digitalisieren

eine totale Digitalisierung

Die Redaktion von DRadio Kultur goutiert dies nicht, im Gegenteil. Wohl wissend, welche Probleme mit einem solchen Sprachgebrauch einhergehen, wiederholt sie süffisant die Bildungen als Zitate in der Anmoderation gleich ganze fünf Mal. Das ist nicht ganz fair, aber wohl Ausdruck ihrer entgegengesetzten Diskursposition, die sie sicher mit der Redaktion des Deutschlandfunks teilt.

Jedenfalls, um zum Thema zurückzukommen,  wäre einer der befürchteten „Kollateralschäden“, dass das „Durchhaltevermögen“ der Schüler_innen leide. Kombiniert man das noch mit einer Medienschelte, hat man alle Zutaten für eine letzte Schlacht gegen „die totale Zwangsdigitalisierung“ beisammen.

Sicher ist es so, dass man Medieneinsatz bewusst wählen und auch steuern sollte. Aber muss man dabei so mit den Säbeln rasseln, um kontextadäquat zu sprechen? Muss man begrifflich so gegen die didacta, auf der gerade das digitale Schulbuch vorgestellt wird, ins Feld ziehen?

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  1. Kraus(e) Gedanken | konzeptblog - 27. Februar 2015

    […] viele Lehrerinnen und Lehrer spricht. Kritische Würdigungen finden sich bereits bei Ellen Trude, Alexander Lasch, Christian Spließ, Lars Hahn und Christian Müller, dazu kommen etliche Tweets; positive […]

  2. Kraus(e) Gedanken | Programmieren für Alle - 27. Februar 2015

    […] viele Lehrerinnen und Lehrer spricht. Kritische Würdigungen finden sich bereits bei Ellen Trude, Alexander Lasch, Christian Spließ, Lars Hahn und Christian Müller, dazu kommen etliche Tweets; positive […]

  3. Blogspektrogramm 10/2015 – Sprachlog - 1. März 2015

    […] der totale Krieg? Alexander Lasch hat sich im SPRACHPUNKT Metaphern des Deutschen Lehrerverbandes angesehen: »Kraus nutzt entsprechende Begriffsbildungen zur Stigmatisierung bemerkenswert gern und […]

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