Warum Konstruktionsgrammatik?

27. September 2011

Sprachpunkt

Ein Freund ist heute Abend dem Link zum Tagungsbericht unserer Tagung in Düsseldorf gefolgt und hat gefragt, ob ich so etwas den ganzen Tag mache. Hinter dieser Frage steckte zumindest Verwunderung. Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um kurz — und hoffentlich verständlich — darüber zu sprechen, warum die Konstruktionsgrammatik gerade auch für linguistische Laien interessant sein dürfte. Das kann ich hier aber nur holzschnittartig und an einem knappen Beispiel tun.

Die Beherrschung einer „(Mutter-)Sprache in Wort und Schrift“, wie es in Bildungszusammenhängen gern heißt, ist eine Schlüsselqualifikation, oder anders: eine ‚Technik‘, die man in unserem Kulturkreis besser beherrschte. Interessanterweise wird gerade in der Vermittlung eben der Muttersprache nur allzu oft auf die Intuition der Muttersprachler gesetzt: Die Sprache und die ihr eigene komplexe Struktur und vielfältigen Verwendungszwecke und Verwendungsbedingungen erlerne man, so wird unterstellt, ja quasi nebenbei. Deutschunterricht ist in diesem Paradigma ab der 5. Klasse konsequenterweise Literaturunterricht. Machen wir uns deshalb nichts vor: Das Deutsche als Mittel zur zwischenmenschlichen Kommunikation spielt als Gegenstand ab diesem Zeitpunkt nur noch im „Vier-Ohren-Modell“ Schulz von Thuns eine Rolle. Soll das Deutsche als Zweitsprache oder Fremdsprache erlernt werden, sieht die Lage, dank der Orientierung an ‚traditionellen‘ Grammatiken, meist nicht wesentlich besser aus.

Dabei könnte gerade eine didaktisch motivierte Konstruktionsgrammatik das Erlernen von Sprachstrukturen und die Bewusstwerdung über die Regeln zwischenmenschlicher kommunikativer Praxis befördern. Im Grunde ist sie eine funktionale, deskriptive Grammatik, die zum Ziel hat, die Strukturen aufzudecken, an denen sich Sprecher orientieren, wenn sie sich beim Schreiben von Texten oder im Gespräch für einen sprachlichen Ausdruck (Form) mit einer bestimmten Bedeutung (dieser Zusammenhang wird als Konstruktion aufgefasst) und gegen einen anderen entscheiden.

Eines der Phänomene, die bisher — aus konstruktionsgrammatischer Perspektive — noch nicht einer hinreichenden Analyse zugeführt sind, möchte ich kurz exemplarisch vorstellen: das „Doppelte Perfekt“ (DPF). Seit einigen Jahren etablieren sich diese Formen („Ich habe eingekauft gehabt“). In ‚traditionellen‘ Grammatiken dem dialektalen Süden zugeschrieben, zeigen erste Studien (etwa Hundt 2010), dass dieses Stereotyp in der Grammatikschreibung nicht haltbar ist. Warum benutzen aber die kompetenten Sprecher des Deutschen diese Form? Blickt man auf die sprachkritischen Populisten wie Sebastian Sick, ist dieses „Hausfrauenperfekt“ ein Fehler und Ausweis geringen intellektuellen Potenzials. Der Stigmatisierung von Sprechern wird hier der Vorzug vor sprachwissenschaftlicher Analyse gegeben — das ist zwar bequem, lässt sich auf Dauer im Blick auf die fortlaufenden Wandelprozesse der Sprache nicht durchhalten. Und es ist vor allem aus Sicht funktionaler Grammatiken, wie der DUDEN-Grammatik und der Grammatik Peter Eisenbergs, um nur zwei herauszugreifen, oder eben aus der Perspektive der Konstruktionsgrammatik, falsch.

Aus Sicht der Konstruktionsgrammatik ist danach zu fragen, wie häufig das DPF in welchen Kontexten und unter welchen Bedingungen auftritt. Analysiert man diese Faktoren, vermag man genauer abzuschätzen, welche Leistung dieser Konstruktion durch die Sprecher, die sie verwenden, zugewiesen wird. Man erschließt damit sowohl Form- als auch Bedeutungsseite einer Konstruktion, die konventionalisiert und nicht-kompositional (d.h., dass sich ihre Bedeutung nicht gänzlich aus der Summe ihrer Teile ableiten oder ihr Verhalten gar vorhersagen lässt) ist (vgl. dagegen Welke 2005). Ohnehin ist gerade das System der Tempora im Deutschen (mit zwei ‚echten‘ Zeitformen [Gegenwart und einfache Vergangenheitsform] und einer Reihe von zusammengesetzten Formen) sehr komplex und alles andere als stabil oder ‚analog zur lateinischen Grammatik‘ strukturiert.

Warum beschreiben und vermitteln wir sie dann aber auch nicht so?

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Wiederveröffentlichter Blogeintrag.

4 Kommentare - “Warum Konstruktionsgrammatik?”

  1. re2tko2vski Sagt:

    „Blickt man auf die sprachkritischen Populisten wie Sebastian Sick, ist dieses ‚Hausfrauenperfekt‘ ein Fehler und Ausweis geringen intellektuellen Potenzials.“

    Sick hat lediglich darauf hingewiesen, dass es nach der Standardgrammatik des Schriftdeutschen als falsch zu gelten hat, und daran ist ja wohl nichts Verwerfliches. Den Ausdruck „Hausfrauenperfekt“ hat er auch nur übernommen und daraus eine kleine Satire gemacht, weil er ihn selber nicht ernst nimmt (also den Begriff, nicht den Hausfrau).

    Außerdem kann ich nicht nachvollziehen, warum Sie Sick einen Populisten nennen. Ein P. ist doch jemand, der dem Volk nach dem Mund redet, während Sie Sick vorwerfen, dass er dem Volk den Volksmund verbieten will (was er ja gar nicht tut).

    Antwort

    • Alexander Lasch Sagt:

      Vom ‚falschen Ultra-Perfekt schwäbischer Hausfrauen‘ zu sprechen, ist nicht nur mehrfach falsch, sondern außerdem abwertend. Und nicht ‚lustig‘ – wo Sie bei Sick satirische Qualitäten sehen, erschließt sich mir nicht.

      Seine Positionen sind sprachkonservativ und er ist populistische Stimme derer, die an allen Ecken den Sprachverfall wittern. Das sind nicht wenige. Und die Argumente sind uralt – nur reicht das kollektive Gedächtnis mit drei Generationen nicht weit genug, um das zu bemerken. Wohl aber reicht es aus, um den von ‚Sick‘ postulierten ‚Standard‘ als einen idealisierten ‚homogenen Zustand der Vergangenheit‘ zu demaskieren:

      http://goo.gl/EG4Gl

      Wie bekommt man aber nun beide Positionen – also die populistischer, konservativer Sprachkritik und die der Sprachwissenschaft (ich bezeichne die ‚Lager‘ jetzt der Einfachheit halber und weil ich von unterwegs schreibe einfach kurz so) – zueinander?

      Dafür müsste man erst einmal klären, ob beide den selben Gegenstand haben.

      Antwort

Trackbacks/Pingbacks

  1. grammatik anders entschieden gehabt | Alexander Lasch - 27. Juli 2012

    […] handelt sich dabei um die so genannten doppelten Perfektformen, die Sick gern als das “Hausfrauenperfekt” verunglimpft. Nein, da muss ich mich […]

  2. Seminar “Konstruktionsgrammatik und Korpuslinguistik” | Alexander Lasch - 14. September 2012

    […] Einblick in das ‚System‘ der Sprache. Im Seminar wird in die theoretischen Grundlagen der Konstruktionsgrammatik als funktionale Grammatik und in die Korpuslinguistik eingeführt. Anhand eigener kleiner […]

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