Parzival 2.0

25. November 2011

Sprachpunkt, Weiterführendes

Man muss noch nicht einmal aufmerksam die tagesaktuelle Diskussion verfolgen, um Zeuge zu werden, wie sich vor den eigenen Augen die Struktur des „Doppelten Kursus“ des Artusromans (ein Begriff, den der Altgermanist Hugo Kuhn mit der Beschreibung des „epischen Doppelpunktes“ im Erec prägte) diskursiv vollzieht: Mittelalterliche Versepen erzählen davon, wie ein junger, dynamischer und aufstrebender Ritter nach dem Verlust seiner Ehre und Wiederherstellung derselben geläutert an den Hof des Königs Artus zurückkehrt.

An diesem Punkt steht der Ritter nun (medial vermittelt) in neuem glänzenden Gewand, berichtet von den Läuterungserfahrungen auf seiner ersten Aventiurefahrt. Der ‚vorerst Gescheiterte‘ hat anders als seine Vorbilder wie Erec, Iwein oder Parzival in den jahrhundertealten Romanen seine Geschichte zwischen zwei Buchdeckeln selbst mitgebracht.[1] Seine ‚Beichte‘ gibt er zudem in einer Kurzfassung zu Protokoll. Allerdings hält er sich nicht an die kommunikativen Voraussetzungen derselben, auch wenn das Muster der ‚Beichte‘ narrativ ausgebeutet wird.[2] Zur erfolgreichen Wiederherstellung der Ehre, um die es ihm geht, ist es nämlich erforderlich, im Schuldeingeständnis, das die Bild religiös überhöht,[3] nicht irgendeine Schuld einzugestehen, sondern die Schuld, derer man bezichtigt wird — darauf möchte er aber wohl ganz gern (und eigentlich aus nicht nachvollziehbaren Gründen) noch verzichten:

Auf die Frage, warum er acht Monate nach dem Bekanntwerden der Plagiatsvorwürfe nicht einfach sage: Ich habe abgeschrieben, antwortet Guttenberg: „Ich sage es doch. Es ist nur eine Frage, wie man das sagt. Weil es ein Unterschied ist, ob man das absichtlich macht oder ob das Abschreiben das fatale Ergebnis einer chaotischen und ungeordneten Arbeitsweise ist. Das ist für mich ganz wichtig, weil es auch etwas mit der eigenen Ehre zu tun hat.“ [4]

Wenn dies die (medial vermittelte) „Zwischeneinkehr“ war, dann wird Guttenberg wohl die zweite Aventiurefahrt antreten, um nach erneutem Versäumnis (möglicherweise) letztlich noch strahlender wieder in die Tafelrunde aufgenommen zu werden. Ob er dafür lediglich in den massenmedialen Kommunikationskanälen wieder unsichtbar wird, in ein anderes Land hinter dem Meer reist oder einfach in dem bleibt, in dem er ist, oder das innenpolitische Exil in einer noch zu gründenden Partei, die der „Sehnsucht nach der Mitte“ [5] endlich Heimat gibt, wählt, bleibt freilich heute* noch abzuwarten.

Den Studierenden der Vorlesung „Sprachmedien und Mediensprache“ möchte ich für die heutige Diskussion zum tagesaktuellen Thema danken, in der nicht Parzival, sondern die mediale Inszenierung von Authentizität und die hierfür am konkreten Beispiel verwendeten sprachlichen Strategien im Mittelpunkt standen.

* Update: „Heute“ bezog sich auf den 25.11.2011; heute, d+1 nach Veröffentlichung von Vorerst gescheitert, stellt sich die Sache freilich schon etwas deutlicher dar.

#Sprachpunkt #guttbye #Guttenberg #Plagiat #Betrug #Exil #Comeback

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  1. Mark Zuckerberg wird neuer Datenschutzbeauftragter der EU! | Alexander Lasch - 12. Dezember 2011

    […] Staatlichkeit gehört. Anders lässt es sich nicht erklären, dass — entgegen aller Vernunft, narrativer Plausibilität und Welterfahrung — Guttenberg nun als EU-Berater Internetaktivisten in mutmaßlich […]

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